Leben

Psychologie: Wovon hängt Kreativität ab, was blockiert sie?

Im Interview gibt Bestseller-Autor Stefan Klein neue Einblicke und verrät, was echte Kreativität ausmacht – und was für Inspiration und freie Gedanken unerlässlich ist. Und warum es Sinn macht, sich an den Kindern zu orientieren.

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Kreativität braucht das Auspendeln verschiedener Bewusstseinsebenen Foto: Imaxtree

MADAME.de: In Ihrem neuen Buch schreiben Sie, Kreativität sei kein besonderes Talent. Jeder Mensch sei fähig, schöpferisch zu denken, wenn wir uns in eine fruchtbare Auseinandersetzung begeben. Hängt meine Kreativität also davon ab, mit welchen Freunden ich mich umgebe?

S. K.: Mit Sicherheit. Weil die Menschen dich nicht nur anregen, Sie sind auch so etwas wie ein Resonanzboden für deine Ideen.

Das heißt, ich brauche den Input von anderen?

S. K.: Du brauchst Austausch. Keiner denkt für sich allein. Die Vorstellung, des Genies, das im stillen Kämmerlein große Gedanke ausbrütet, ist ein romantischer Mythos. Alle Menschen, die wir als Genies verehren wie Leonardo da Vinci, Einstein oder Marie Curie, waren alle ganz eng eingebunden in ein engmaschiges Netz von Kollegen und Freunden.

Wenn wir eine Idee erzwingen wollen, indem wir uns besonders anstrengen, kommt sie nicht. Erst, wenn wir unter der Dusche stehen oder mit dem Fahrrad durch den Wald fahren. Kommen Geistesblitze also im Leerlauf der Gedanken?

S. K.: Ich würde es nicht Leerlauf der Gedanken nennen, sondern einen anderen "Betriebszustand". Eine der großen, überraschenden Einsichten der Hirnforschung der letzten Jahre war, dass unser Gehirn im Wachzustand mehrere Betriebsmodi hat. In einem ersten Modus nehmen wir die Außenwelt wahr, in dem wir zielgerichtet und kritisch denken. In einem anderen Betriebsmodus ist unsere Aufmerksamkeit nach innen gerichtet, sind gedankliche Prozesse weiter und assoziativer. Wir bewerten unsere Gedanken auch weniger, weil wir nicht darauf aus sind, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Die äußere Wahrnehmung ist in diesem Betriebszustand stark herunter geregelt. Im Gehirn wird eine bestimmte Schaltung, das so genannte default network aktiviert. 

Diesem Zustand entspricht also ein bestimmter Bewusstseinszustand?

S. K.: Genau, und in diesen Zustand kommen wir nicht, wenn wir bewusst Ziele verfolgen oder äußeren Reizen ausgesetzt sind. Das Gehirn ist in diesem nach innen gerichteten „Modus 2“ überaus aktiv, auch wenn du gar keine äußere Tätigkeit wahrnimmst.

Ist „Modus 2“ also der kreative Betriebszustand unseres Gehirns?

S. K.: Nun, ohne „Modus 2“ hat du keine schöpferischen Gedanken. Aber damit allein ist es nicht getan. Wir benötigen ein Wechselspiel zwischen diesen beiden Bewusstseinszuständen.

Welche Rolle spielen Pausen für unser Gehirn und die Kreativität? Ich brauche ja Zeit, um diesen Zustand zu kommen.

S. K.: So ist es. Wenn ich mich beim Schreiben irgendwo festgefressen habe, was gar nicht so selten passiert, stehe ich auf und gehe spazieren. Und erstaunlich häufig reicht schon das Aufstehen. Wenn ich vom Arbeitszimmer unten im Haus angekommen bin, habe ich bei einfacheren Problemen schon eine Lösung. Bei schwierigeren Problemen kann das einen ganzen Spaziergang durch den Berliner Tiergarten dauern, an dem ich wohne. Oder auch mehrere Tage und Nächte. Der Schlaf und die Träume sind ganz entscheidend. Der Verstand braucht Zeit, in der er in „Modus 2“ schwingen kann, denn dieser Modus ermöglicht neue Einsichten. In ihm erfinden wir Konzepte, mit denen wir ungewohnte Probleme bewältigen können.  

Was passiert, wenn wir jede freie Minute mit Informationen füllen. Wenn wir beim Warten nicht mehr einfach nur die Eindrücke um uns herum auf uns wirken lassen. Haben wir weniger Möglichkeit, schöpferische Gedanken zu entwickeln?

S. K.: Wir töten in unserer Informationsgesellschaft sehr viel Kreativität, indem uns einreden, auf alles sofort reagieren zu müssen. Denk nur an die Apps auf deinem Smartphone: Die sind gezielt so gemacht, dass sie dich zu ständigem Engagement bringen. Genau dieses Verlangen, sofort zu reagieren, verhindert, dass du in den „Betriebsmodus 2“ kommst, in dem das Gehirn schweifen, ausprobieren und assoziieren kann.

Sie haben das Buch Ihren Kindern gewidmet. Was macht Kinder kreativ?

S. K.: Kinder sind unendlich neugierig und lernfähig. Kinder leben naturgemäß weniger in einer Welt von festen Vorstellungen und festen Überzeugungen. Sie probieren mehr ungewöhnliche Dinge aus. Sie sind weniger darauf geeicht, etwas zu erreichen. Ihr Verstand ist häufiger der von Erwachsenen im „Betriebsmodus 2“, den wir mit weiterer Aufmerksamkeit assoziieren. 

Wie kann man Kinder stärken? Welche Rolle spielt das freie Spiel?

S. K.: Als meine Eltern mich mit Lego beglückten, bekam ich eine Kiste mit bunten Plastiksteinen verschiedener Art. Dann hieß es: „Jetzt mach mal etwas!“ An mir war es, herauszufinden, was „etwas“ sein könnte. Wenn du heute einem Kind Lego schenkst, kauft du einen Bausatz für ein Raumschiff, Müllauto oder R2D2. Das tötet Kreativität und ermutigt nicht wirklich dazu, sich selbst auszuprobieren.  

Sie schreiben, wir müssten die Welt wieder mehr wir die Kinder sehen, also so, dass nicht mehr bestehende Normen, Regeln oder To-do-Listen überwiegen. 

S. K.: Gerade der Aufstieg der künstlichen Intelligenz macht diese Fähigkeit, zu staunen, Regeln zu brechen, vollkommen neue Wege auszuprobieren, so unabdingbar. Denn da tun wir etwas, was Maschinen nicht können. Hier sind unsere menschlichen Fähigkeiten unersetzbar. Auch gesellschaftlich sind wir an einem Punkt angelangt, an dem klar ist, dass wir in vielen Bereichen nach den Regeln, die wir kennen, nicht weiterspielen können. 

In welchen Umgebungen in welchen Momenten sind Sie besonders kreativ?

S. K.: Auf Spaziergängen! In meinem Haus auf dem Land, wo es keine Reize gibt, verbunden mit der Natur. Und ganz wichtig: in Gesprächen. Wenn ich mich mit Menschen treffen, gibt es so einen Zustand, bei dem Resonanz entsteht. Das müssen nicht immer enge Freunde sein. Nur eine gewisse Grundsympathie, die braucht es. In solchen Gesprächen kann ich über mich selbst hinauswachsen. 

Interview: Ulrike Bartholomäus