Interior

Interior-Trend: Mehr Farbe, bitte! Der Effekt von farbigen Wänden

Nichts gegen weiße Wände – aber mit etwas Farbe (selbst wenn's nur eine einzelne Wand ist) wird alles gleich viel schöner! Dank gut ausgewählter Nuancen ziehen Gefühl und Persönlichkeit ins Zuhause ein. Im Schlafzimmer genauso wie im Homeoffice. Wie man die richtigen Töne findet und welches die aktuellen Trends sind, erklärt Farbexpertin Friederike Tebbe.

Die gute Nachricht ist auch eine schlechte: für die Farbgestaltung der Wohnung gibt es keine festen Regeln. Es ist vor allem eine Frage des individuellen Geschmacks. Das ist großartig, aber eben auch einschüchternd. Keine Richtlinien, an denen man sich entlanghangeln kann, keine Dos and Don‘ts… Wie soll man also unter Hunderten von Nuancen die passenden für die eigenen vier Wände finden? Zur Beruhigung: Die Entscheidung für eine Farbe ist keine Entscheidung für die Ewigkeit – das Schöne an Wandfarben ist ja, dass man sie jederzeit wieder überstreichen kann! Damit das gar nicht erst nötig ist, erklärt Friederike Tebbe, Farbdesignerin und Inhaberin vom „Studio Farbarchiv“ in Berlin, worauf es ankommt.

Wandfarben und Tapeten sind wieder sehr gefragt – was ist der erste Schritt, um die richtige Farbe für mein Zuhause zu finden?

F.T.: Zunächst sollte man herausfinden, wohin die Reise gehen soll. Was möchte ich mit der Farbe erreichen, welche Anmutung schwebt mir vor? Dazu sollte man dann Beispiele heraussuchen, aus Magazinen, Büchern, Katalogen. Farbmuster sammeln und eventuell auch einen Farbfächer hinzuziehen und vorsondieren.

Für größere Projekte (etwa Bauprojekte von Architekten oder Einrichtungen von Häusern) erstellen Sie Farbkonzepte. Wie geht das?

F.T.: Man prüft, ob und wie die Farbigkeit, die man im Sinn hat, zu den vorhandenen Gegebenheiten passt. Das heißt, man überlegt, wie die Räume genutzt werden - und wie Bodenbelag, Raumhöhe und Lichtverhältnisse aussehen. Dann kann man mit Farbmustern anfangen und eine kleine Kollektion zusammenstellen. Dabei unbedingt die vorhandenen Elemente, also die Möblierung miteinbeziehen, denn Farbwirkung ist kontextgebunden. Kurz gesagt: Was auf Mallorca toll aussieht mag einem in Bochum anders erscheinen.

Farben beeinflussen unsere Gefühle – wie können wir das zum Beispiel für das Wohnzimmer nutzen?

F.T.: Auch hier gilt, dass wir Farbe immer im Kontext erfahren. Wir können ein- und dieselbe Farbe hier als angenehm und in einem anderen Zusammenhang als unangenehm empfinden! Für Bereiche, in denen man sich lange aufhält, sollte es eine Farbigkeit sein, die man gut aushält. Nicht jede Farbvorliebe taugt als Raumfarbe, manchmal empfiehlt es sich, eher über die Ausstattung Akzente zu setzen.

Welche Töne sind für das Schlafzimmer ideal?

F.T.: Im Grunde ist alles erlaubt, was gefällt. Ich habe schon schwarze und dunkelrote Schlafzimmer gesehen. Das wäre zwar nicht meins, aber entscheidend ist nicht die Wandfarbe allein, sondern die gesamte Inszenierung. Grundsätzlich würde man für Schlafräume eher ein ruhiges Umfeld schaffen, und damit auf knallige Farben und starke Kontraste verzichten. Es ist zwar so, dass Blau beruhigt und Rot anregt, aber vor allem sind die Nuancen entscheidend – es gibt auch zurückhaltende Rottöne und lautes Blau. Es zählt die sorgfältige Abstimmung.

Graue Wandfarbe
Für stilvolle Gemütlichkeit im Wohnzimmer sorgen warmen Beige-, Braun- und Grautöne Foto: Studio Farbarchiv

Was muss ich bei der Auswahl der Farben fürs Homeoffice beachten?

F.T.: Ich denke, da geht es gegenwärtig mit all den Zoom- und Teams-Sitzungen darum, dass Sie sowohl vorteilhaft als auch gut erkennbar erscheinen. Für Videokonferenzen nimmt man darum beispielsweise gerne einen etwas dunkleren Hintergrund, tendenziell Blau- oder Grautöne. Gleichzeitig sollte man darauf achten, dass ein Arbeitsplatz insgesamt nicht zu dunkel gestaltet ist und damit ermüdend wird.

Pantone-Trendfarbe für dieses Jahr sind "Ultimate Grey" und die Gelbnuance "Illuminating". Für welche Räume – oder Dinge würden Sie die empfehlen?

F.T.: Grau ist ein Dauerbrenner, der einfach immer wieder neu erscheint, mal kälter, mal wärmer. Grau geht fast immer – da kommt es auf die Nuance und die Umgebung an. Gelb ist grundsätzlich anspruchsvoller und leider häufiger fehlbesetzt. So entspringt Gelb, insbesondere im Außenraum, oft dem Wunsch nach „Sonne“ und Freundlichkeit. Falsch kombiniert, etwa mit Weiß oder Schwarz aber, wird gelb schnell schwierig.

Grau als Wandfarbe
Grau ist zeitlos und passt (fast) immer Foto: Plainpicture
Wandfarbe Rosa
Pastelltöne schmeicheln! Egal ob im Wohnraum oder Homeoffice Foto: Little Green

Lässt sich grundsätzlich jede Lieblingsfarbe zur Wandfarbe machen – also auch Pink oder Türkis?

F.T.: Es ist letztlich eine Frage der persönlichen Vorlieben. Man kann aber sagen, dass Farbtöne wie Türkis oder Pink sich als Vollton, das heißt in intensiver und nicht in pastelliger Form, eher für Akzentflächen eignen, also für einzelne Wände. Als Raumfarbe hält man das nicht lange aus. Außerdem gilt: je stärker eine Farbe ist, desto mehr strahlt sie auf alles ab. Wählen Sie etwa Rot, liegt auf allen Möbeln ein Rotschimmer.

Gerade sind Erdtöne und Grünnuancen angesagt – das zeigen die neuen Kollektionen der britischen Wandfarben-Hersteller Little Greene und Farrow & Ball. Was sollte man bei diesen Nuancen beachten?

F.T.: Grün in all seinen Nuancen ist schon immer da. Braun hingegen erlebt jetzt ein Revival. Im Wohnbereich gab es das in den Siebzigern schon einmal, hier kann man sich gut an Bildbeispielen vergangener Zeiten orientieren. Es kommt sehr darauf an, wie man diese Farben kombiniert. Man sollte bei Brauntönen darauf achten, dass es nicht zu stickig wird – anders als bei Grün gibt es bei Braun weniger luftige Nuancen und die Gefahr, dass alles wegsuppt, wenn man auch noch Holzböden und holzsichtige Möbel hat, ist groß.

Es heißt, mit Farben lassen sich Räume „gestalten“ – was ist etwa bei sehr kleinen Räumen empfehlenswert? Und was bei sehr hohen Decken?

F.T.: Kleine Räume vertragen wider Erwarten sehr gut dunkle Farben, denn sie lassen die Zimmerkonturen verschwinden. Bei hohen Decken ist es oft ratsam die Wandfarbe nicht bis direkt unter die Decke zu ziehen, da man sich dann im Raum weniger verloren fühlt.

Wie testet man, ob die ausgesuchte Farbe zum Raum passt?

F.T.: Mit Farbmustern. Das können zunächst kleine Papiermuster sein, im nächsten Schritt wird die Farbe direkt auf die Wand aufgetragen – oder auf Platten. Ich bevorzuge letzteres – eine Holzfaserplatte kann an verschiedenen Stellen im Raum an die Wand gehalten und begutachtet werden. Am besten zu verschiedenen Tageszeiten.

Haben Sie kürzlich Ihr Zuhause gestrichen – und verraten Sie uns Ihre Farbwahl?

F.T.: Bei uns würde zuletzt für einem Filmdreh eine Wand in der Küche braun gestrichen. Die Kinder fanden es toll, wir eher nicht – und sind deshalb zurück zu Türkis gegangen.

Wandfarbe Türkis
Ein kräftiges Türkis für den Eingangsbereich Foto: Studio Farbarchiv

Friederike Tebbe studierte Malerei an der Akademie der bildenden Künste in München. Nach verschiedenen Auslandsaufenthalten war sie Mitarbeiterin an der Berliner Hochschule der Künste mit anschließender Gastprofessur. Seit 2000 führt sie in Berlin das „Studio Farbarchiv“ für Farbe und Interior Design, berät Architekten, Designer, Unternehmen und Privathaushalte.

Interview: Carla Mülhens