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Die Spritze ist gesetzt, der Hunger gedämpft – und plötzlich stellt sich eine neue Frage: Wie viel ist eigentlich genug? Ozempic und andere Hersteller haben die Gewichtsabnahme revolutioniert. Doch parallel entsteht ein neuer Trend: Patient*innen beginnen, ihre Dosis persönlich anzupassen oder sogar selbst hergestellte, gefälschte Versionen der Abnehmspritzen zu benutzen. Inspirationen kommen hierbei von TikTok, Online-Foren und anderen Social-Media-Kanälen. So wird aus ärztlich gesteuerter Therapie zunehmend ein individuelles Experiment.
Was steckt dahinter – und wie riskant ist diese neue Form der Selbstoptimierung?
Abnehmspritzen wie Ozempic werden in der Regel zu Hause angewendet. Der Wirkstoff Semaglutid wird dabei von dem Anwender oder der Anwenderin mit einem Pen unter die Haut injiziert. Der Dosierungsplan ist klar festgelegt: Zunächst eine geringe Anfangsdosis einmal wöchentlich, nach vier Wochen erfolgt eine Steigerung auf eine etwas höhere Dosis. Später gibt es gegebenenfalls weitere Erhöhungen, bei Ozempic beispielsweise bis maximal etwa zwei Milligramm wöchentlich. Dosen höher als zwei Milligramm wöchentlich werden laut Herstellern nicht empfohlen. Der Grund für diese langsame Steigerung ist entscheidend: Der Körper soll sich an das Medikament gewöhnen, der Blutzuckerspiegel soll langsam verbessert werden und Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Kreislaufprobleme sollen minimiert werden. Doch genau dieses System wird zunehmend selbst „interpretiert“.
Der neue Trend: Microdosing, Pausieren, Hochdosieren
In sozialen Netzwerken und privaten Chats berichten Nutzer*innen davon, ihre Dosis bewusst zu verändern:
- Microdosing: geringere Mengen als vorgesehen, um Nebenwirkungen zu vermeiden und Kosten einzusparen
- „Plateau-Hacking“: kurzfristiges Erhöhen der Dosis, wenn das Gewicht trotz Anwendung von Abnehmspritzen stagniert – dieses sogenannte Ozempic Plateau ist eine Phase, die häufig nach 9-12 Monaten vorkommt, da sich der Körper an das Medikament gewöhnt
- Pausieren: bewusstes Auslassen von Injektionen, um den Effekt „wieder zu spüren“
Was dabei entsteht, ist eine Art improvisierter Therapieplan – individuell, flexibel, aber eben auch medizinisch nicht abgesichert.
Warum Patient*innen selbst nachjustieren
Die Motive sind vielschichtig – und oft nachvollziehbar:
1. Nebenwirkungen kontrollieren
Übelkeit, Müdigkeit oder Verdauungsprobleme sind häufige Erscheinungen. Wer die Dosis reduziert, fühlt sich oft schneller besser.
2. Kosten und Verfügbarkeit
Die Medikamente sind teuer und teilweise schwer erhältlich. Eine niedrigere Dosis verlängert die Nutzungsdauer.
3. Körpergefühl statt Arztplan
Viele berichten, sie „wissen selbst am besten“, wann ihr Körper mehr oder weniger braucht.
4. Erwartungsdruck
Schnelle Erfolge werden online gefeiert – wer langsamer abnimmt, greift eher zur Eigenanpassung – und erhöht seine Dosis.
Das Problem: Ein Medikament braucht klare Regeln
So verständlich die Motivation ist – medizinisch ist das Vorgehen heikel. Denn die Dosierung dieser Medikamente ist kein Zufallsprodukt. Sie basiert auf Studien, die genau definieren, wann und wie der Körper auf den Wirkstoff reagiert. Eine zu schnelle Steigerung kann Nebenwirkungen verstärken, etwa starke Übelkeit und Erbrechen, Kreislaufprobleme oder Unterzuckerung.
Gesundheitsbehörden warnen bereits vor konkreten Risiken: Fehler bei der Selbstdosierung haben in einigen Fällen zu Überdosierungen geführt. Auch Probleme mit der Haut, wie Volumenverlust oder Schlaffheit können durch Selbstdosierung verstärkt werden.
Besonders problematisch wird es bei sogenannten „Compounding“-Produkten (individuell gemischte Präparate bei Engpässen oder zur Kosteneinsparung), bei denen Patient*innen nicht auf getestete Dosierungsmengen zurückgreifen können. Diese Nachahmungen enthalten oft unterschiedliche chemische Zusammensetzungen und kommen zum Beispiel als Fläschchen, nicht als Pen mit vordosierten Sprühstößen – was die korrekte Dosierung weiter erschwert.
Zwischen Empowerment und Selbstüberschätzung
Interessant ist: Der Trend zeigt auch eine Verschiebung im Gesundheitsverständnis. Abnehmspritzen stehen für eine neue Ära der Medizin – hochwirksam, vergleichsweise unaufwändig und individuell anpassbar. Patient*innen können mitentscheiden. Das ist grundsätzlich positiv. Doch bei komplexen Wirkstoffen wie Semaglutid stößt dieses Empowerment an Grenzen. Denn sowohl Wirkung und Nebenwirkungen sind individuell und sollten immer von einem Arzt oder einer Ärztin behandelt werden. Außerdem sind langfristige Effekte noch nicht vollständig erforscht und auch kleine Änderungen der Dosis können große Auswirkungen haben.
Was Expert*innen empfehlen
Die aktuelle medizinische Haltung ist eindeutig: Dosisanpassungen sollten immer ärztlich begleitet werden und Veränderungen sollten langsam und strukturiert erfolgen. Treten Nebenwirkungen auf, müssen diese ernst genommen werden und nicht einfach durch Dosisanpassungen „wegoptimiert“ werden. Andernfalls wird die Sicherheit der Therapie gefährdet.