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Warum wir Oper und Ballett brauchen – genauso wie gute Filme

Warum wir Oper und Ballett brauchen – genauso wie gute Filme Warum wir Oper und Ballett brauchen – genauso wie gute Filme
Ob Oper, Ballett oder Theater – um den Wert der Hochkultur wird gerade leidenschaftlich gestritten (Foto: Stefan Milev)

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Timothée Chalamet hat mit einem Satz über Oper und Ballett eine Debatte ausgelöst, die längst überfällig war – über leere Opernsessel, Steuergelder in Millionenhöhe und die Frage, wem es eigentlich nützt, wenn Anti-Intellektualismus salonfähig wird

Oper und Ballett seien eine sterbende Kunstform, sagte Hollywoodstar Timothée Chalamet – und keinen hat es interessiert. Das war 2019, während der Promotion seines Films „The King“. Jetzt hat Chalamet seine Aussage wiederholt, etwas prägnanter, als er sagte: „Ich will nicht für die Oper oder das Ballett arbeiten – für Dinge, die am Leben gehalten werden, obwohl sich niemand dafür interessiert“. Für Opern und Balletts weltweit ist das fantastisch, sie überschlagen sich mit Reaktionen und Promo-Aktionen. Endlich Aufmerksamkeit. Für Kultur-Journalisten auch, sie nutzen die Gelegenheit, mal wieder die Fahne zu schwenken für die Bedeutung der Hochkultur für unsere Gesellschaft. Dazu später mehr.

Eine Frau allein in einem leeren Theatersaal – das Bild, das viele Opern- und Ballettbühnen fürchten und das Timothée Chalamet mit einem Satz zur Realität erklärt hat (Foto: Stefan Milev)

Aber erstmal die simple Frage: Wie recht hat Chalamet? Na ja, jeder Opernplatz wird in Deutschland im Schnitt mit etwa 200 Euro Steuergeld subventioniert, 70 bis 90 Prozent der Budgets kommen vom Staat. In den USA gibt es deutlich weniger staatliche Zuschüsse, dafür mehr private Spenden. Die Metropolitan Opera, die größte Oper der USA, hatte 2023/2024 eine Auslastung von 72 Prozent, etwa jeder vierte Sitz blieb also leer. Die Deutsche Staatsoper in Berlin hatte 2024 eine Auslastung von immerhin 77 Prozent, die Bayerische Staatsoper bringt es auf stolze 95 Prozent. Was in etwa der Auslastung von Timothée Chalamets neuem Film „Marty Supreme“ am ersten Startwochenende entsprechen dürfte, auch wenn der Vergleich zugegebenermaßen hinkt.

Nicht nur Oper und Ballett

Dass Chalamet, dessen Mutter und Großmutter übrigens Tänzerinnen waren (am Broadway, nicht beim Ballett), das Theater als Kunstform nicht erwähnt, ist vermutlich kein Zufall. In der Diskussion wird es jetzt miteinbezogen, in den meisten Kommentaren geht es um Hochkultur generell.

Viele wundert es nicht, dass „so jemand wie“ Chalamet von den hohen Künsten wenig beeindruckt ist. Von dem braucht man nichts anderes erwarten, lauten die Kommentare, gerne gepaart mit sexistischen Verweisen auf seine Freundin Kylie Jenner aus dem Kardashian-Clan, der weniger für seinen Intellektualismus und mehr für seinen Geschäftssinn bekannt sind.

Desinteresse als Haltung

Der Opern-Diss kommt zu einer Zeit, in der aktiver Anti-Intellektualismus immer mehr en vogue wird. Wo man früher in bestimmten Kreisen eher kleinlaut zugegeben hat, schon lange nicht mehr in der Oper gewesen zu sein, weil man sich deren Bedeutung bewusst war, wird jetzt selbstbewusst deren Bedeutungslosigkeit verkündet. Das ist ein Problem. Die Menschen treiben ihre eigene Verdummung voran. Kunst und Kultur sind Empathie-Maschinen. Sie helfen, uns in die Perspektive anderer hineinzuversetzen, die Welt sowohl intellektuell als auch emotional zu begreifen und zu verarbeiten. Wer sich dem nicht aussetzt, stumpft ab. Verliert das Interesse am Gegenüber und der Welt. Davon profitieren letztlich nur die, die unsere Welt gerade lenken: Trump, Putin, gewinngesteuerte Unternehmen.

Umso wichtiger wäre es, dass alle Kunstformen, auch die, für die sich die Menschen laut Chalamet noch zu interessieren scheinen – Filme, Serien – nicht nur von einem Algorithmus bestimmt werden, sondern dass Produzenten und Filmemacher sich als gesellschaftliche Akteure verstehen, die etwas zu sagen haben über die Zeit, in der wir leben. Viele tun das zum Glück. Bei Timothée Chalamet bin ich mir nicht so sicher. Sein neuer Film „Marty Supreme“, entwickelt von Josh Safdie, strotzt für mich vor Zynismus und Gleichgültigkeit. Menschen werden hier mit großer Leichtigkeit links und recht ermordet und irgendwie soll das alles lustig sein. Da gehe ich dann doch lieber in die Oper.

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