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Warum machen wir Deutschen uns eigentlich so wenig aus Mode?

Warum machen wir Deutschen uns eigentlich so wenig aus Mode? Warum machen wir Deutschen uns eigentlich so wenig aus Mode?
In anderen Ländern ist es üblicher sich auch im Alltag schick zu machen. (Foto: Adriano Russo)

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Hierzulande wiegt der praktische Aspekt oftmals mehr als der modische. Doch woran liegt das?

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Es gibt Schuhe, die besitzt man hauptsächlich für die Vorstellung von sich selbst, die man in ihnen abgeben könnte. Bei mir sind das Stiletto-Heels. Im Schrank sehen sie fantastisch aus, und ich stelle mir vor, wie ich darin abends zum Dinner gehe, elegant, sogar ein bisschen overdressed. Dann kommt mal ein Abend, an dem sie tatsächlich zum Outfit passen würden. Ich ziehe sie Probe an, laufe ein paar Schritte durch die Wohnung und fange plötzlich an zu zweifeln. Sie sehen toll aus, keine Frage. Aber mein Kopf beginnt zu kalkulieren: Wie weit ist es zur U-Bahn? Muss ich umsteigen? Wie lange laufen wir nach dem Essen noch? Und werde ich nach zwei Stunden wieder allen erzählen, wie sehr meine Füße wehtun? Also ziehe ich doch lieber die bequemen Schuhe an.
 
Es ist eine kleine Entscheidung, vermutlich die vernünftigere. Und doch steckt darin erstaunlich viel von unserem deutschen Verhältnis zur Mode. Hierzulande soll Kleidung vor allem eines: funktionieren. Sie soll bequem sein, zum Wetter passen, zum Fahrrad, zum Arbeitsweg, zum Restaurant und idealerweise noch zum spontanen Wochenende auf dem Land. Wir mögen Dinge, die praktisch sind. Und wenn sie nebenbei auch noch gut aussehen, umso besser.
 
Doch wer einen Abend in Mailand oder Paris verbringt, kann schnell das Gefühl bekommen, dass sich dort mehr Menschen für den Gang zum Aperitivo zurechtgemacht haben als bei uns für eine Hochzeit beim Standesamt. Das mag ein Klischee sein. Aber offenbar ist es eines, nach dem wir uns sehnen. Eine repräsentative Onlinebefragung des Marktforschungsinstituts Bonsai im Auftrag von Steffen Schraut und QVC unter mehr als 2000 Frauen in Deutschland zeigte im April 2026: 34 Prozent würden gerne den italienischen Modestil tragen. 30 Prozent nennen den französischen, elf Prozent den spanischen. Deutschland selbst landet lediglich auf Platz sieben. Was genau also begehren wir an Italienerinnen und Französinnen, was wir nicht haben?

Wir wären gerne modemutiger – theoretisch

Interessant ist zunächst, was deutsche Frauen an ihren europäischen Nachbarinnen bewundern. 46 Prozent der Befragten nennen mehr Mut zu Farben. 40 Prozent glauben, dass Frauen in Ländern wie Italien oder Frankreich mehr Zeit und Mühe investieren, um sich optimal zu präsentieren. Mehr als ein Viertel bewundert außerdem, dass dort vermeintlich häufiger die Mode über die Bequemlichkeit siegt.
 
45 Prozent der Frauen bezeichnen sich in der Befragung als durchschnittlich modemutig. Wirklich großes modisches Selbstbewusstsein scheint dagegen selten zu sein: Unter den 18- bis 34-Jährigen beschreibt sich nur jede Zehnte als sehr modemutig, bei den über 55-Jährigen sind es sogar nur sechs Prozent.
 
In Deutschland ist es nicht unbedingt erstrebenswert, durch Kleidung aufzufallen. Im Gegenteil: Wer sich sichtbar Gedanken über sein Aussehen gemacht hat, bewegt sich schnell in einem merkwürdigen Spannungsfeld. Gut angezogen? Gerne. Aber bitte nicht so, als hätte man sich zu viel Mühe gegeben.
Ein Outfit soll interessant sein, aber nicht extravagant. Gepflegt, aber nicht eitel. Hochwertig, aber nicht protzig. Weiblich, aber nicht zu sexy. Wir sehen ganz zufällig so zurechtgemacht aus, ist doch klar!

Mode und die deutsche Angst vor Oberflächlichkeit

Vielleicht hat unsere modische Zurückhaltung auch damit zu tun, welchen Stellenwert wir Kleidung überhaupt zugestehen. Deutschland bezeichnet sich gerne als Land der Dichter und Denker. Goethe, Schiller, Hesse – Kultur ist bei uns traditionell etwas, das Tiefe haben soll. Wir lesen Bücher, besuchen Ausstellungen, diskutieren über Theater und Filme. Zu sagen, man interessiere sich leidenschaftlich für Literatur, klingt intellektuell. Zu sagen, man interessiere sich leidenschaftlich für Lederhandtaschen, verlangt dagegen beinahe schon eine Rechtfertigung.
 
Mode trägt bis heute den Verdacht der Oberflächlichkeit mit sich herum.
Dabei ist diese Trennung einigermaßen absurd. Natürlich kann Mode gesellschaftlich relevant sein. Sie erzählt von Körperbildern und Geschlechterrollen, von Klasse und Status, von Popkultur und Politik. Designer*innen reagieren genauso auf gesellschaftliche Veränderungen wie Filmschaffende, Künstler*innen oder Autor*innen. Kleidung kann Protest sein, Zugehörigkeit markieren und gesellschaftliche Normen infrage stellen. 
 
Das innere Gefühl, Mode intellektuell verteidigen zu müssen, ist groß. Obwohl sie auch oberflächlich sein darf (übrigens genauso wie Literatur und Kunst, nicht alles muss einen intellektuellen Anspruch haben): Ein pinker Pullover muss kein feministisches Statement abgeben. Man kann eine Tasche wollen, weil sie wunderschön ist. Man darf morgens zehn Minuten länger vor dem Kleiderschrank stehen, weil es Freude macht, verschiedene Kombinationen auszuprobieren. Und man darf sich über ein Kleid freuen, obwohl es die Welt kein bisschen besser macht. Schönheit braucht nicht immer einen tieferen Zweck.
 In Deutschland scheint uns diese Art der modischen Leichtigkeit manchmal zu fehlen.

Ist das praktisch?

Hinzu kommt eine typisch deutsche Tugend: Praktikabilität. Wir wollen in unseren Kleidern leben können. Natürlich muss sich niemand in schmerzende Absatzschuhe zwingen, um elegant zu wirken, Komfort und Stil schließen sich nicht zwangsläufig aus.
Nur ist unsere Vernunft manchmal besonders konsequent. Wir fahren Fahrrad, hetzen zur Bahn, wollen pünktlich und für jedes Wetter gerüstet sein. Der Absatzschuh hat es da schwer. Eine Freundin erzählte mir, sie würde im Alltag gerne häufiger hohe Schuhe tragen – entscheidet sich aber dagegen, weil sie damit nicht schnell genug zum nächsten Termin kommt. Macht etwa ausgerechnet unsere deutsche Pünktlichkeit einen Strich durch die modische Rechnung?
 
Während wir zuerst fragen, ob ein Outfit praktisch ist, darf Kleidung anderswo selbstverständlicher Teil der Inszenierung des Alltags sein. Besonders schön zeigt sich das in Italien.
Dort gibt es für die bewusste Inszenierung des eigenen Auftretens einen schönen Ausdruck: la bella figura. Wörtlich lässt er sich ungefähr mit „eine gute Figur machen“ übersetzen, gemeint ist aber mehr als ein gelungenes Outfit. Es geht um Erscheinung, Haltung, Ausstrahlung und darum, wie man sich in der Öffentlichkeit präsentiert. Kein Wunder, bei der Geschichte, schließlich hat Mode und das Schneiderhandwerk dort eine lange Tradition. Und auch wenn die internationale Modegeschichte durchaus deutsche Spuren trägt – Thierry Hermès wurde im heutigen Deutschland geboren, Karl Lagerfeld in Hamburg –, entstanden ihre großen Modegeschichten im Nachbarland: Hermès gründete sein Unternehmen in Paris, Lagerfeld machte vor allem in Frankreich internationale Karriere.
 
Was deutsche Frauen bewundern, ist die Selbstverständlichkeit, die Mode in beispielsweise in Italien und Frankreich hat. Roter Lippenstift, schicke Schuhe und besondere Schmuckstücke werden auch ohne „besonderen Anlass” ausgepackt. Das Lieblingskleid wird auch zum einfachen Dinner im Schnellrestaurant ausgeführt – auch, wenn es overdressed erscheint.

Die strengste Modekritikerin sitzt im eigenen Kopf

Sich modisch auszudrücken bedeutet schließlich immer auch, sich angreifbar zu machen. Auch das könnte ein Grund dafür sein, warum deutsche Frauen nicht mutiger in der Outfitwahl sind: Wer nicht auffällt, wird seltener kommentiert. Und schließlich geben 45 Prozent der Frauen in der anfangs genannten Studie an, dass ihre „innere Kritikerin“ sie beim Styling bremst. Besonders deutlich wird das in der Umkleidekabine. Jede dritte Frau zwischen 35 und 54 Jahren denke wohl beim Anprobieren eines Kleidungsstücks den Gedanken: „Dafür müsste ich erst abnehmen.“ Bei den über 55-Jährigen tauche eine andere Frage besonders häufig auf: „Steht mir das noch?“ Umso interessanter ist, dass Frauen mit zunehmendem Alter in einem Punkt offenbar entspannter werden. Fast jede zweite Frau über 55 gibt in der Befragung an, bereits heute alles anzuziehen, was ihr gefällt. 
 
Warum steht das schöne Kleid seit zwei Jahren im Schrank, weil nie der „richtige Anlass“ kommt? Warum ist die große Kette für den Restaurantbesuch zu viel? Warum kaufen wir den Mantel dann doch lieber in Dunkelblau, obwohl wir seit zwanzig Minuten den roten anschauen? Wir könnten das Kleid tragen, bevor endlich der perfekte Anlass dafür kommt. Die besonderen Ohrringe auch am Dienstag ausführen. Eine Farbe wählen, bei der wir uns im ersten Moment fragen, ob sie „zu viel“ ist. Und wenn wir morgens fünf Minuten länger brauchen, weil wir uns heute besonders schön anziehen möchten, müssen wir das weder ironisieren noch rechtfertigen.
 
Es geht nicht darum, sich plötzlich für den Alltag zu verkleiden, sondern um die Frage, warum wir uns so oft selbst zurücknehmen. Das Problem liegt eher darin, dass wir Funktionalität zu häufig als Argument gegen alles verwenden, was ein bisschen auffälliger, schöner oder unvernünftiger ist. Funktionalität ist nicht das Gegenteil von Stil. Und Bequemlichkeit ist kein modischer Charakterfehler. Man kann in flachen Schuhen fantastisch aussehen. Man kann Schwarz tragen und trotzdem auffallen. Man kann eine praktische Garderobe besitzen und gleichzeitig sich modisch ausleben. 
 
Kleidung ist eine der wenigen Möglichkeiten, sich jeden Morgen neu zu entscheiden, wie man der Welt begegnen möchte. Und die Stiletto-Heels? Die dürfen (und sollten!)  ruhig öfter aus dem Schrank. Notfalls kann man die Ballerinas immer noch in die Tasche stecken.

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