MADAME Newsletter - Erhalten Sie stilvolle Inspiration, exklusive Inhalte und Gewinnspiele, digital und kostenlos.
Jetzt zum Newsletter
anmelden
„Wie alt bist du?“, fragt eine leicht verunsicherte Bridget Jones ihren Begleiter beim ersten Date. „28“, sagt der, um dann, als er Bridgets entsetzen Gesichtsausdruck sieht, lachend hinzuzufügen: „War nur Spaß. Ich bin 29.“ In „Bridget Jones – Verrückt nach ihm“ (jetzt im Kino), dem vierten Teil der Film-Reihe, dated Bridget (gespielt von Renée Zellweger) also einen jüngeren Mann. Und sie ist damit nicht allein. Filme und Bücher sind seit einiger Zeit voll mit diesen Geschichten, die Frauen werden verkörpert Nicole Kidman, Anne Hathaway, Laura Dern.
Das Thema an sich ist nicht ganz neu, schon im 19. Jahrhundert ruinierten sich bei Stendal und Gustave Flaubert die Frauen mit Affären zu jüngeren Männern. 1955 zerbricht im Melodrama „Was der Himmel erlaubt“ eine Witwe und Mutter an ihrer Liebe zu ihrem jüngeren Gärtner – oder besser gesagt an der Gesellschaft, die sie für diese Liebe verurteilt. 1967 verführte Mrs. Robinson den blutjungen, großäugig in die ihm unbekannte Welt blickenden Dustin Hoffman.
Doch mit diesen Geschichten haben die neuen Erzählungen nicht mehr viel gemein. Sie haben sich emanzipiert. Erzählt wird nun konsequent aus der Perspektive der Frauen und die Beziehungen sind, wenn auch kompliziert, einvernehmlich und von Tabus befreit.
Ein paar Beispiele allein aus den letzten zehn Monaten: In der RomCom „A Family Affair“ (Netflix) verliebt sich Nicole Kidman in einen 16 Jahre jüngeren Superstar, den sie kennenlernt, weil ihre erwachsene Tochter als seine Assistentin arbeitet. Eine ähnliche Geschichte erzählt „Als du mich sahst“ (Amazon Prime) – hier dated Anne Hathaway einen Boybandstar (Nicholas Galitzine). Auf den ihre Teenagertochter früher stand, bevor sie Feministin wurde und nur noch Singersongwriterinnen hörte. In dem komplexen Drama „Babygirl“ (noch in ausgewählten Kinos) beginnt Nicole Kidman, CEO einer Robotics-Firma, eine Affäre mit einem Praktikanten (Harry Dickinson). Dabei ist es kein Zufall, dass die erst 42-jährige Anne Hathaway und die aus der Zeit gefallene Nicole Kidman die Frauen verkörpern – Hollywoods Schönheitsideal für Frauen ist noch immer kompromisslos gegenüber Falten. Erfreulich aus der Reihe fällt da die 58-jährige Laura Dern. Nur ein Jahr älter als Kidman sieht man ihr das Alter zumindest ansatzweise an. In „Lonely Planet – Liebe in Marokko“ (Netflix) verguckt sich sie als erfolgreiche Schriftstellerin in einen Jungspund (Liam Hemsworth).
Parallel dazu wird das Gegenstück – alter Mann und jüngere Frau – immer kritischer beäugt. Zwar ist diese Kombi deutlich geläufiger und in Hollywood quasi die Norm, doch wird sie immer häufiger hinterfragt und kritisiert, auch, weil das damit verbundene Machtgefälle stärker in den Blick gerät, auch dank #metoo.
Das Machtgefälle sielt auch eine Rolle bei „Babygirl“. Die Tatsache, dass die von Nicole Kidman gespielte Romy die Chefin von Samuel ist, macht die Affäre so verboten – und aufregend. Im Liebesspiel tauschen sie die Rollen, Romy gibt ihre Macht ab, Samuel übernimmt die Führung und kann sie theoretisch jederzeit verraten und ihre Karriere ruinieren. Auf das Machtgefälle geht auch die schlaue, lustige Serie „Liebe und Anarchie“ (Netflix) aus Dänemark ein, in der sich eine verheiratete Frau und Mutter und ihr neuer, junger Kollege gegenseitig immer riskanter werdende Mutproben stellen.
Das Phänomen Frau mit jüngerem Mann findet sich zunehmend auch in der Literatur. Das It-Buch des letzten Jahres war Miranda Julys „Auf allen Vieren“ (Kiepenheuer & Witsch), in dem, ganz genau, die Ich-Erzählerin sich in einen jungen Mann verliebt, dem sie auf der Durchreise in einem kleinen Ort zufällig begegnet. Sie stürzt sich auch deswegen so obsessiv in diese Liebe, weil sie befürchtet, sie sei ihre letzte Chance auf Leidenschaft – schließlich steht sie kurz vor der Menopause. Hätte sie mal den Roman der Drehbuchautorin und Regisseurin Anika Decker gelesen. In „Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben“ (dtv) erzählt die nämlich von Nina, die in der Menopause dank Hormoncreme ihre Lust wiederentdeckt und sie mit einem Neunundzwanzigjährigen auslebt.
Dass die Lieben – oder auch nur Affären – zwischen älteren Frauen und jüngeren Männern enttabuisiert werden, ist eine feministische Errungenschaft. Die noch größere Sensation ist allerdings schlicht die Tatsche, dass durch diese Erzählungen weibliche Lust jenseits der 40 und 50 endlich auch in Hollywood ihren selbstverständlichen Platz gefunden hat. Ob mit Jüngeren, Älteren, Frauen, Männern – das ist dabei eigentlich ganz egal.