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Stilentscheidend: Fußballstars haben sich zu modischen Vorbildern entwickelt

Stilentscheidend: Fußballstars haben sich zu modischen Vorbildern entwickelt Stilentscheidend: Fußballstars haben sich zu modischen Vorbildern entwickelt
Zampano in der Provinz: Der Mönchengladbacher Günter Netzer auf seinem Carrera. (Foto: picture-alliance/Sven Simon)

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Vom Vokuhila zur Designer-Handtasche: Fußballstars haben sich in den letzten Jahrzehnten zu Stilvorbildern entwickelt – und dabei unsere Vorstellung von Männlichkeit erweitert. Ein modischer Rundgang durch die Epochen

Auf dem Papier ist Fußball immer noch ein Mannschaftssport. Aber eigentlich stimmt das längst nicht mehr. Schon irgendwann zum Ende der 1960er-Jahre gab es jedenfalls nicht mehr nur Mannschaftsfotos, die Fotografen fingen damals verstärkt an, einzelne Spieler in den Fokus zurück. Besondere Typen, die nicht nur auf, sondern auch neben den Platz eine gute Figur machten. Das war die Geburtsstunde des Fußballer-Styles und eine Pionierrolle übernahm dabei Günter Netzer. Geboren 1944 in Mönchengladbach, war Netzer nicht nur Spielmacher bei Borussia Mönchengladbach und später bei Real Madrid, er war auch ein ästhetischer Sonderfall für den deutschen Fußball. Er trug die weißbrotblonden Haare bis zum Kinn, einen Pelzmantel bis zum Boden und ein Selbstbewusstsein bis übers Stadiondach hinaus. So einen gab es vorher nicht, aber er passte gut in eine Bundesrepublik, die gerade eine Transition durchmachte: Von der gescheitelten Adenauer-Nachkriegsordnung zur aufgekratzten Brandt-Ära. Netzer fuhr schnelle Autos, betrieb eine Diskothek und präsentierte bereitwillig seinen Lifestyle. Das war neu. Fußballer waren bis dahin eher brave Arbeiter in kurzen Hosen, sie sahen wirklich noch so aus, wie der Begriff Werkself klang. Netzer aber war ein Ball-Bohemien, einer von dem die Menschen irgendwann nicht nur wissen wollten, wie er Samstagnachmittag gespielt hat, sondern auch wo er Samstagabend gefeiert hat. Von Gladbach zu Glam? Netzer spielte diesen eigentlich unmöglichen Pass.

Franz Beckenbauer (li.) und der englische Fußballstar Sir Bobby Moore trafen beim WM-Finale 1966 im Wembley-Stadion aufeinander, danach wurden sie Freunde. Und Brüder im Style-Geist (Foto: Terry O’Neill/Iconic Images)
Günter Netzer, hier 1973, war der erste Fußball-Styler. Er verstand sich als Star über den Fußballplatz hinaus, trug lange Haare und Pelzmantel, fuhr Sportwagen und betrieb eine Diskothek. (Foto: imago sportfotodienst)

Eine Frage der Attitüde

Das Entscheidende war dabei weniger der Pelzmantel als die Tatsache, dass Günter Netzer ihn trug, ohne sich zu erklären. Er begriff sich als Star über die 90 Minuten hinaus und öffnete mit seiner Attitüde die Tür für eine ganze Reihe neuartiger Fußball-Persönlichkeiten: Franz Beckenbauer liebte es geschniegelt aufzutreten, gab bereitwillig Einblick in sein Privatleben und sang Lieder ein. Kollege Paul Breitner trug Bart und Afro, positionierte sich explizit politisch und alternativ. Noch ging es diesen Fußballer-Typen nicht um Marken, nicht um modische Inszenierung, sondern um Charakter. Der Style war Begleiterscheinung, nicht Konsumbotschaft. Wobei sich schon Breitner werbewirksam seinen Bart stutzen ließ – für das Rasierwasser Pitralon.

Die Ära Beckham

Die wahre stilistische Strahlkraft des Fußballs entstand in den Neunziger Jahren, als sich der Sport insgesamt neu erfand. Der Handel mit Fernsehrechten explodierte damals, die einzelnen Ligen in den Ländern wurden global sichtbar und damit wurden auch die Top-Spieler zu neuen Projektionsflächen. In England entstand eine regelrechte Popkultur rund um die Premier League, und mittendrin tauchte eine Figur auf, die all das, was Netzer nur angedeutet hatte, im globalen Maßstab durchspielte: David Beckham.

Beckham brachte das perfekte Paket mit – er spielte elegant, war fast regelwidrig attraktiv und trotzdem sympathisch. Und er war vor allem bereit, sich als Gesamtkunstwerk zu inszenieren: Seine Frisuren, Tattoos, Kleidung und Beziehung wurden zu unerschöpflichen Ressourcen für die Lifestyle-Medien. Er kreierte jede Saison ein neues Image, trug Sarong, posierte für Modekampagnen, heiratete einen Popstar – der Fußball wurde am Ende seiner Spielerkarriere nahezu Nebensache, so sehr war Beckham selbst die Marke. Die Beckhams influencten, lange bevor es das Wort gab, und sie positionierten den Fußball fast im Alleingang auf einer Identifikationsebene mit Musik und Mode.

David Beckham prägte den Begriff „metrosexuell“ und wurde zum Gesamtkunstwerk, zusammen mit seiner Frau Victoria. (Foto: Corbis via Getty Images)
CR7! Keiner beherrscht die Vermarktung seiner Person so gut wie Cristiano Ronaldo. (Foto: Europa Press via Getty Images)
V-Pulli und Slim Fit: Jogi Löw brachte mit Strenesse Stil auf die Trainerbank. (Foto: AFP via Getty Images)

Sport als Businessmodell

Die Digitalisierung besorgte im neuen Jahrtausend dann die endgültige Verschmelzung von Sport und Stil. Der analoge Posterboy David Beckham bekam Konkurrenz von einer Generation an sendungsbewussten Celebrity-Spielern, die sich für die Bilderflut in den neuen Medien perfektionierten. Cristiano Ronaldo etwa kam als durchkomponiertes Gesamtkunstwerk ins Spiel: Körper, Kleidung, Auftreten – alles schien Teil eines Businessplans zu sein, alles wurde von ihm kontrolliert und vermarktet. Die Vorbildfunktion eines Fußballers erweiterte sich in dieser Epoche. Jahrzehntelang wollten Jungs beim Bolzen vorrangig die sportlichen Skills ihrer Stars nachahmen, eben: kick it like Beckham! Man bewunderte die Dribbelkünste, den Kampfgeist, die Härte einzelner Spieler. Jetzt aber hieß es plötzlich auch: Shave it like Beckham. Dress it like Ronaldo. Style it like Neymar. Und so weiter. Nächste Level: Eine Unterhose mit CR7 drauf.

Trendsetter Fußballstar

In der öffentlichen Wahrnehmung änderte sich in diesen Jahren etwas Entscheidendes: Früher, also etwa bis Mario Basler, war beispielsweise das Wort Fußballerfrisur komplett lächerlich konnotiert. Man hatte einen angeprollten Vokuhila vor Augen oder komische Miniplis, dazu Trainingsanzüge aus Ballonseide. Viel Geld, aber kein Stil, das war noch zu Zeiten der Harald Schmidt Show das allgemeine Verdikt über Profifußballer. Das verschob sich als die durchtrainierten U-20 Millionäre anfingen, selbstbewusst ihre Statussymbole zu kuratieren und sich eigenwillig in den sozialen Medien zu präsentieren. Die Strahlkraft der Fußballstars rückte dabei eher in die Nähe von Rappern, nur mit Bällen statt Beats im Hintergrund. Jedenfalls war die Fußballerfrisur kein Running Gag mehr, sondern stand ganz im Gegenteil, sofort unter Trendverdacht. Friseure wie der britische Star-Barber Ahmed Alsanawi wurden von Teams rund um die Welt geflogen und zu den neuesten Cuts interviewt und was Jude Bellingham oder Jérôme Boateng zeigten, war so ähnlich wenig später in den Klassenzimmern und Fußgängerzonen zu sehen.

Selbstbehauptung durch Stil

Kein Wunder, überall in der westlichen Welt regiert mittlerweile der Superindividualismus. Jeder junge Mensch sucht nach seinem Markenkern und einem Stil, der ihn unverwechselbar macht. Im Fußball bedeutete das eine enorme modische Aufrüstung in der Umkleidekabine: Konnte Franck Ribéry 2008 mit pinken Fußballschuhen noch umfassend Verwirrung stiften, wäre derlei heute kaum mehr eine Erwähnung wert. Denn Fußballer sind heute mit Beginn ihrer Profikarrieren bestrebt, stilistische Eigenheit zu unterstreichen. Mit Haaren, Tattoos, Accessoires – aber eben auch zunehmend auch mit Outfits, wie man sie bisher nur auf Fashion Weeks verortet hat und nicht auf dem Trainingsgelände.

Unpraktisch, aber cool: Auch zum Training erscheinen Spieler wie der Franzose Rayan Cherki (Manchester City) nicht mehr mit Sporttasche, sondern mit Luxus-Bag von Hermès. (Foto: Franco Arland/Getty Images)
Héctor Bellerín gründete sogar sein eigenes Modelabel, Gospel Estudios. (Foto: Eamonn McCormack/BFC/Getty Images for BFC)
Serge Gnabry pflegt einen individuellen Stil, hier mit Prinzessin Leia- oder Björk?-Gedächtnisfrisur. (Foto: picture alliance/ASSOCIATED PRESS)
2008 konnte Franck Ribéry mit pinken Fußballschuhen noch provozieren. (Foto: picture-alliance/dpa)

Dabei fremdelte die hohe Mode eigentlich lange mit dem Fußball, das war alles doch immer zu kleinbürgerlich und unfein. Stadionbier in Plastikbechern? Da blieb man lieber beim Tennis oder Segeln. Aber auch diese Grenze zerbröselte: Modedesigner Dirk Bikkembergs inszenierte schon 2008 seine Idealmannschaft in Unterwäsche in der Karoo-Wüste und feierte damit unverhohlen den Sexappeal des Fußballs – immer noch sehr sport- und muskelbetont. Mit dem stilistischen Selbstbewusstsein einzelner Spieler änderte sich auch das, Fußballermoden musste keinen sportiven Einschlag mehr haben und sich auch nicht in plakativen Luxus-Logos erschöpfen. Mario Gomez etwa bekannte sich zu seiner Vorliebe für die Entwürfe von Rick Owens - ein denkbar weiter Spagat. David Alaba erzählte im Interview, dass er die Dienste eines Stylisten in Anspruch nähme, um seine Leidenschaft für Mode zu vertiefen. Lionel Messi und Rayan Cherki tauschten ihre Sporttaschen gegen absolut unsportliche Luxushandtaschen von Hermès oder Louis Vuitton und ließen sie ungewohnte Kabinenluft schnuppern. So zog die Luxusmode in den Fußball ein. Nicht weil sie das unbedingt wollte, sondern weil sich viele Spieler sichtbar darum bemühten. Der Spanier Hector Bellerin etwa wurde in seiner Zeit bei Arsenal London selbst Teil der Modewelt – er lief für Louis Vuitton auf dem Runway, gründete ein eigenes, sehr zeitgeistiges Modelabel (Gospel Estudios) und gab in der Vogue Stylingtipps. Die Top-Spieler Jules Kounde und Dominic Calvert-Lewin treten heute geradezu moderadikal auf und präsentieren sich regelmäßig in genderfluiden Looks und spielen virtuos mit Mitteln der Mode, um klassische Fußball-Normen zu karikieren. Ein Stürmer im Rock auf einem Magazincover? Vor 25 Jahren wohl ein handfester Skandal, heute nur logische Entwicklung eines immer heftigeren Flirts zwischen Fußball und Fashion. Offizielle Partnerschaften wie jene zwischen Real Madrid und Louis Vuitton oder PSG und Dior bezeugen jüngst diese Entwicklung: Der Tunnel Walk ist in den Top-Ligen heute auch ein Catwalk.

Von der Marke zur Persönlichkeit

In der Bundesliga ist Serge Gnabry heute der Musterschüler unter einer neuen Generation an Fußballstylern. Unvergessen, dass der Bayernspieler 2023 einen Rüffel von der Vereinsführung bekam, weil er statt sich auszuruhen auf der Fashion Week in Paris für Aufsehen sorgte – mit Seidentüchern, großen Hüten und einem fein komponierten Oversized-Look. Er jongliert heute Streetwear, Luxus und Popkultur in seinen Looks und ist nebenbei auch einer der besten Spieler der Liga. An Gnabry lässt sich auch schön festmachen, dass sich die Fußballwelt seit Beckham und Ronaldo eben doch nochmal weitergedreht hat. Wurde ihr Stil doch überwiegend im Kontext von Sponsoren, Werbung und Auftragsarbeiten gesehen und die Spieler vorrangig als Kommerzvehikel betrachtet, spielt sich die jüngere Generation stilistisch ganz frei: Alles darf, nichts muss. Mehr als jeder Ausrüstervertrag zählt wieder der eigene Charakter. Und damit ist die Bananenflanke zur Zeit von Günter Netzer geschlagen, mit einem markanten Unterschied: Früher war Stil ein Ausdruck von Persönlichkeit. Heute scheint Persönlichkeit oft eher ein Produkt des Stils zu sein.

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