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Lange schien das Fernsehen auf diese Frage erstaunlich wenige Antworten zu haben. Während männliche Figuren mit 40, 50 oder 60 selbstverständlich weiterhin Affären beginnen, beruflich durchstarten, Krisen durchleben oder ihr gesamtes bisheriges Leben infrage stellen dürfen, rückten Frauen ab einem bestimmten Alter auffällig häufig an den Rand der Handlung.
Aus der Protagonistin wurde: die Mutter, Ehefrau, Chefin oder Mentorin – einer jüngeren Figur.
Dabei endet das Leben schließlich nicht mit dem 40. Geburtstag und schon gar nicht seine erzählerische Relevanz. Beziehungen verändern sich, Kinder werden älter, Karrieren werden neu bewertet. Manches, von dem man glaubte, es längst über sich zu wissen, muss plötzlich neu verhandelt werden. Umso interessanter sind Serien, die Frauen über 40 nicht nur zeigen, sondern ihnen die gesamte Handlung überlassen. Und die dabei eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit haben: Ihre Protagonistinnen müssen nicht immer souverän sein, um stark zu wirken. Sie dürfen wütend, egoistisch, überfordert, ehrgeizig, begehrend, verletzlich und manchmal, ganz ehrlich, auch ziemlich anstrengend sein.
Von „Türkisch für Anfänger” bis „And Just Like That…” erzählen diese sechs Serien sehr unterschiedliche Geschichten. Zusammen zeigen sie jedoch, wie viel interessanter Frauenrollen werden, wenn Stärke nicht länger mit Perfektion verwechselt wird.
„Türkisch für Anfänger“: Doris Schneider muss nicht die Vernünftige sein
Wer „Türkisch für Anfänger” früher vor allem wegen Lena und Cem eingeschaltet hat, sollte beim nächsten Rewatch einmal genauer auf Doris Schneider achten. Denn die Mutter von Lena und Nils ist für eine Familienserie der 2000er erstaunlich ungewöhnlich geschrieben.
Doris ist über 40, alleinerziehende Mutter und Psychotherapeutin. Eigentlich bringt sie damit sämtliche Voraussetzungen mit, um jene vernünftige erwachsene Instanz zu verkörpern, die das Chaos der jüngeren Figuren wieder in geordnete Bahnen lenkt. Doch Doris ist regelmäßig selbst Teil dieses Chaos. Sie ist emotional, impulsiv und liberal bis zur Selbstparodie. Nicht selten sind es ihre Kinder, die angesichts ihrer Ideen die Augen verdrehen.
Das Entscheidende daran: Doris existiert nicht ausschließlich in ihrer Funktion als Mutter. Sie hat eigene Bedürfnisse und verliebt sich neu. Mit Metin wagt sie das Experiment einer Patchworkfamilie, in der nicht nur unterschiedliche Persönlichkeiten, sondern auch Vorstellungen von Familie und Erziehung aufeinandertreffen.
Dass Doris dabei keineswegs immer weiß, was richtig ist, macht sie rückblickend besonders sympathisch. Mutter zu sein bedeutet für sie nicht, sämtliche Antworten gefunden zu haben. Sie darf sich verlieben, Fehler machen, peinlich sein und ihr Leben noch einmal verändern. Stärke bedeutet bei Doris nicht Kontrolle, sondern die Offenheit dafür, dass die eigene Geschichte noch nicht fertig geschrieben ist.
„Dead to Me“: Wenn weibliche Freundschaft wichtiger wird als Perfektion
Auch „Dead to Me” beginnt mit einem Neuanfang. Allerdings unter wesentlich düstereren Umständen: Jen Harding hat ihren Mann verloren und begegnet Judy Hale in einer Trauergruppe. Ausgerechnet diese Begegnung entwickelt sich zu einer intensiven Freundschaft zwischen zwei Frauen über 40, deren Leben immer komplizierter miteinander verwoben werden.
Jen ist Mutter, Witwe, berufstätig – und vor allem wütend. Sie flucht, explodiert, stößt Menschen von sich und trifft Entscheidungen, die moralisch alles andere als eindeutig sind. Judy reagiert auf Schmerz fast gegenteilig: mit Empathie, einem enormen Harmoniebedürfnis und dem Drang, es anderen recht zu machen.
Was die beiden verbindet, ist nicht ihre Ähnlichkeit. Es ist die Bereitschaft, füreinander da zu sein, obwohl ihre Beziehung von Geheimnissen, Schuld und Verletzungen geprägt ist. Trauer, Mutterschaft, Krankheit und Verlust verbindet die Serie dabei mit schwarzem Humor, ohne das eine gegen das andere auszuspielen.
Vor allem aber verweigert sich „Dead to Me” einem der ältesten Klischees weiblicher Figuren: dass zwei Frauen zwangsläufig Konkurrentinnen sein müssen. Die wichtigste Liebesgeschichte der Serie ist im weiteren Sinne die Freundschaft zwischen Jen und Judy. Sie ist innig und destruktiv, loyal und kompliziert und darf damit genauso existenziell sein wie eine romantische Beziehung.
„Big Little Lies“: Was hinter der perfekten Fassade passiert
Von der chaotischen Trauerbewältigung in „Dead to Me” führt der Weg nach Monterey, wo auf den ersten Blick alles etwas kontrollierter aussieht. Die Welt von „Big Little Lies” ist geprägt von schicken Häusern, erfolgreichen Familien und einem Alltag, dessen Probleme von außen kaum sichtbar sind. Im Zentrum stehen unter anderem Celeste, Madeline, Renata und Bonnie, überwiegend Frauen zwischen 40 und 50. Doch die Perfektion bekommt schnell Risse. Hinter der wohlhabenden Kulisse verhandelt die Serie häusliche Gewalt, Traumata, Mutterschaft und gesellschaftliche Erwartungen. Ihre Protagonistinnen sollen gute Mütter, attraktive Partnerinnen, erfolgreiche Berufstätige und souveräne Erwachsene zugleich sein. Wie unrealistisch dieser Anspruch ist, zeigt sich umso deutlicher, je tiefer die Serie in ihre Leben blickt.
Zunächst werden dabei durchaus klassische Rivalitäten zwischen Frauen inszeniert. Es wird verglichen, geurteilt und gestritten. Doch nach und nach verschiebt sich etwas: Die Frauen erkennen hinter der Fassade der jeweils anderen Ängste, Verletzungen und Erfahrungen, die von außen nicht sichtbar waren. Weibliche Solidarität muss nicht daraus entstehen, dass Frauen einander von Anfang an mögen. Sie kann gerade dort besonders bedeutsam werden, wo Konkurrenz und Vorurteile überwunden werden. Am Ende sind es nicht die scheinbar perfekten Familienstrukturen, die Sicherheit geben, sondern andere Frauen.
„The Handmaid’s Tale“: Wenn Selbstbestimmung zum Widerstand wird
Was passiert, wenn Frauen nicht nur gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen sollen, sondern ihnen ihre Selbstbestimmung systematisch entzogen wird, führt „The Handmaid’s Tale” ins dystopische Extrem. June Osborne, die sich im Verlauf der Handlung in ihren 40ern befindet, lebt im totalitären Gilead. Frauen wurden dort politische, wirtschaftliche und körperliche Rechte genommen; Reproduktion wird staatlich kontrolliert. Junes Körper ist damit nicht länger ausschließlich ihr eigener, sondern wird zum politischen Schauplatz.
June kämpft zunächst ums Überleben und zunehmend gegen das System selbst. Doch auch sie wird nicht als unverwundbare Heldin erzählt. Gewalt, Verlust und jahrelange Unterdrückung verändern sie. Ihre Entscheidungen werden radikaler, ihre Wut größer, ihr Verhalten moralisch schwieriger.
Das verbindet sie mit den anderen Frauen dieser Liste, wenn auch in einer extremeren Weise: Eine starke weibliche Figur muss keine moralisch makellose sein. June darf von ihren Erfahrungen gezeichnet sein. Ihre Widerstandsfähigkeit besteht nicht darin, dass das Erlebte spurlos an ihr vorbeigeht, sondern darin, immer wieder Handlungsmacht zurückzufordern.
„Workin’ Moms“: Niemand kann alles gleichzeitig haben – zumindest nicht ohne Preis
Für einen wesentlich alltäglicheren Kampf um Selbstbestimmung steht „Workin’ Moms”. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe berufstätiger Freundinnen, die im Verlauf der Serie die 40 überschreiten und versuchen, Kinder, Partnerschaften, Karrieren (und irgendwo dazwischen sich selbst) unterzubringen.
Das klingt zunächst nach der bekannten Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Workin’ Moms“ zeigt dabei vor allem, welche unterschiedlichen Anforderungen und Erwartungen mit moderner Mutterschaft verbunden sein können. Sie sollen liebevoll und präsent sein, beruflich ambitioniert bleiben, Partnerschaften pflegen und all das möglichst so aussehen lassen, als koste es sie keine besondere Anstrengung. Die Serie spricht über Mental Load und ungleich verteilte Care-Arbeit ebenso wie über psychische Belastungen rund um Mutterschaft und beruflichen Ehrgeiz. Vor allem erlaubt sie ihren Figuren Gedanken, die Mütter noch immer nicht selbstverständlich laut aussprechen dürfen: Sie können ihre Kinder lieben und gleichzeitig von ihnen genervt sein. Sie können gerne Mutter sein und ihre Arbeit vermissen. Sie können sich nach Zeit sehnen, in der niemand etwas von ihnen möchte. Ihre Identität endet nicht dort, wo die Mutterrolle beginnt.
„And Just Like That…“: Und was passiert nach dem Happy End?
Carrie Bradshaw, Miranda Hobbes und Charlotte York sind in „And Just Like That…” noch einmal eine Lebensphase weiter. Die ehemaligen „Sex and the City”-Heldinnen sind inzwischen in ihren 50ern – einem Alter, das in Film und Fernsehen lange eher als Endpunkt romantischer Geschichten denn als deren neuer Anfang behandelt wurde.
In der Serie steht daher eine zentrale Frage: Was passiert eigentlich nach jenem vermeintlichen Happy End, an dem andere Geschichten gewöhnlich abblenden?
Achtung, Spoiler!
Carrie muss nach dem Tod ihres Mannes Big nicht nur Trauer bewältigen, sondern irgendwann auch herausfinden, wie ein Leben aussehen kann, das sie so nicht geplant hatte. Miranda beginnt, zentrale Entscheidungen ihres bisherigen Lebens infrage zu stellen. Charlotte wiederum erlebt, wie sich ihre Rolle als Mutter verändert, während ihre Kinder älter und unabhängiger werden.
Freundschaft, Dating, Ehe und Sexualität werden damit genauso selbstverständlich zu Themen von Frauen in ihren 50ern wie berufliche Veränderungen, Verlust und die Suche nach einer neuen Orientierung. Nicht jede Entscheidung der drei muss einem dabei gefallen. Genau das sollte sie auch nicht. Es ist eine der wichtigsten Freiheiten, die man älteren Frauenfiguren zugestehen kann: nicht automatisch zur weisen, gelassenen Version ihrer jüngeren selbst werden zu müssen. Carrie, Miranda und Charlotte dürfen sich noch immer irren, zweifeln und ihre Meinung ändern.
Warum wir gerade mit unperfekten Frauen mitfühlen
Zwischen Doris Schneiders Patchworkfamilie, Junes Überlebenskampf und Carrie Bradshaws New Yorker Leben liegen Welten. Trotzdem verbindet diese Protagonistinnen etwas Entscheidendes: Sie dürfen auch nach 40 noch unfertig sein. Sie lieben ihre Kinder und sind von Mutterschaft überfordert. Sie sind beruflich erfolgreich und zweifeln trotzdem an ihren Entscheidungen. Sie trauern, verlieben sich, werden wütend, verändern ihre Meinung und fangen noch einmal von vorne an.
Wir fühlen mit diesen Frauen so stark mit, nicht weil sie zeigen, wie eine „starke Frau“ über 40 zu sein hat, sondern weil sie diese Vorstellung grundsätzlich infrage stellen. Und weil sie zeigen, dass man noch sein Leben lang Fehler machen, sich verändern darf und gespannt darauf bleiben darf, was noch kommt.