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Kuratiert aus Ausgabe September 2024
Schmuck

Schmuckdesignerin Elsa Peretti – Poetin der puren Form

Schmuckdesignerin Elsa Peretti – Poetin der puren Form Schmuckdesignerin Elsa Peretti – Poetin der puren Form
Elsa Peretti 1974 in ihrem New Yorker Studio (Foto: Duane Michals/Condé Nast via Getty Images)

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Kuratiert aus Ausgabe September 2024
Mit ihrem Schmuck für Tiffany&Co. rockte Elsa Peretti die wilden 70er. Und die 80er, die 90er...ach, was! Auch die 2020er!

Rom, wo es am elegantesten ist. Juni 2016. Eines dieser herrschaftlichen Häuser, nicht weit von der Villa Borghese, muss es sein. Unten ein Café und eine Art Teppichlager. Die Nummer stimmt. Zu Elsa Peretti? Der Mann im Monteursanzug zeigt auf den Lastenaufzug. Wirklich? Si, si, lächelt er. Es ist eines der letzten Interviews, das Peretti als Designerin für Tiffany & Co. gibt, sie will sich zurückziehen, basta così! Ihre Penthousewohnung dämmert im Halbdunkel: Marmorsäulen, Palisandermöbel, Gobelins und Antikenreliefs an den Wänden… „Hier lebte mein Vater“, Elsa Peretti kommt durch eine der Terrassentüren herein, und plötzlich streift diese großbürgerliche Wohnung ihre gravitas ab und wird zu ihrer Bühne: Licht flutet die Räume, die Vorhänge wehen, als wäre man auf hoher See – die Bühne einer Jahrhundertdesignerin.

Seit 1974 entwirft sie, die als Innenarchitektin begann, dann für Giorgio di Sant’Angelo, Halston und Oscar de la Renta Accessoires designte, exklusiv für Tiffany. Schmuckstücke, egal ob es sich dabei um einen Armreif oder um einen silbernen Schirmgriff, ein Feuerzeug oder eine Glasschale handelt. Elsa Peretti hat das Metier revolutioniert, hat Sterlingsilber, Urushi-Lack, Bergkristallkugeln, Goldnetze, Raffia, Holz, Glas und Seide salonfähig gemacht und Alltagsgegenstände entworfen, die kostbar sind. Nicht durch den schieren Materialwert – Karatgeklirr hat Peretti nie interessiert –, sondern durch das Charisma, das sie diesen Dingen gab.

Rebellische Tochter des florentinischen Öl-Magnaten und Großindustriellen Nando Peretti (dem sie ihre philanthropische Stiftung widmete – „Ich war in allen Dingen zuerst die Tochter meines Vaters“), wurde sie Supermodel zu einer Zeit, als es so etwas noch gar nicht gab Die Frauenbewegung? „Mein Leben war eine einzige Selbstermächtigung“, eine Art Kräftemessen mit dem geliebten Vater. „Kann ich nicht? Kann ich doch! Das war mein Antrieb.“

In New York, wo sie 1969 landet, wird sie die Muse von Fashionstar Halston und fünf turbulente Jahre später Designerin von Tiffany&Co. „Why not?“ ist ihr Mantra, zu dem sie im Studio 54 auf den Tischen tanzt. Nackt unter der Seidenbluse, mit Hornbrille und Madonnenhänden, schlingt sie ihre Perlenketten als Gürtel um die Taille. Anything goes. Eine Stilikone auch jetzt, 40 Jahre nachdem sie als böses Bunny für Helmut Newton in zerrissenen Netzstrümpfen, Korsage und schwarzer Maske vor der Skyline von New York posierte. Ihr Haar ist eisgrau geworden und ihr Gesicht mit den Juwelenaugen 40 Jahre älter, aber es ist ihr eigenes Gesicht geblieben, Ein außergewöhnliches, bewegendes Gesicht, nichts Gemachtes, keine Pose, eine große Ehrlichkeit liegt darin und eine Kenntnis der Welt, die nicht ohne Melancholie auskommt.

Supermodel und Tiffany-Designerin Elsa Peretti 1975 in ihrem New Yorker Apartment (Foto: Michael Tighe/Donaldson Collection/Getty Images)

Aber auch Humor. Gleich zu Beginn unseres Gesprächs erzählt sie en passant von ihrer Affäre mit Helmut Newton. Kurz, aber heftig sei die gewesen, schnarrt sie, und ihre Augen funkeln: „Am Morgen danach hatte er einen Herzanfall.“ Peretti lacht ihr kitzelndes, rauchiges Lachen. „I kill you“, habe sie zu Newton gesagt, sollte er die Bunny-Fotos zu Lebzeiten ihres Vaters veröffentlichen, „wenn du das tust, bringe ich dich um“, und unterbricht sich mitten im Satz: „Wollten wir nicht über meine Arbeit sprechen?“ Natürlich, aber eigentlich sind wir doch längst dabei. Denn ihre Arbeit, das ist sie selbst. Und zugleich die innigste Liebesbeziehung, die sie je hatte. „Mit meinen Handwerkern, ja, das war…einzigartig.“ Peretti schließt die Augen, so als wolle sie diese Momente noch einmal heraufbeschwören. Wie einen Geist aus der Flasche.

Bereits bei ihrem ersten Entwurf für Tiffany, dem „Bottle Pendant“, hat sie in Spanien mit Señor Abad zusammengearbeitet, der die meisten ihrer Silberarbeiten, die Knochenspangen, Bohnenketten oder ihre „Open Hearts“-Anhänger fertigte. „Es lag etwas Elektrisches in der Luft, unter seinen Händen wurde das Silber lebendig, nahm die Form meiner Gedanken an.“

Gesponnenes Gold: Eine Smaragdperle am Goldnetz funkelt in Perettis „Mesh Collier“ (Foto: Courtesy of Tiffany)

Noch heute sind diese Stücke etwas sehr Persönliches für sie, „wie ein Gegenüber, etwas, das zu mir gehört. Ich habe immer Angst, sie zu verlieren“. Peretti ist nach Spanien gezogen, „zu ihren Leuten“, in ein kleines katalanisches Dorf, Sant Martí Vell, das sie auf eigene Kosten hat restaurieren lassen. Sie, die Immobilien an den mondänsten Orten der Welt besitzt, ist dort zu Hause. Bei sich.
 
Auch das eine Form von Liebe, denn die meisten ihrer Handwerker leben nicht mehr. Die Silberschmiede aus Spanien, die Steinschneider aus Hongkong oder die japanischen Urushi-Meister, mit denen sie faszinierende Stücke entwickelte, ihre Bagel-Bangles etwa oder die schwungvollen rot lackierten Sevillana-Anhänger, „sie alle wären heute über hundert Jahre alt! Wozu noch entwerfen, ohne diese Männer?“, sagt sie. „Wir waren Komplizen.“ Nun, mit 76, sei es „genug“. „Ich habe alles gemacht, was ich machen wollte“, Peretti schnippt sich – „eigentlich sollte ich auch damit endlich aufhören!“ – eine Zigarette an, lacht und fixiert ihr Gegenüber mit einem Blick.

Grüne Bohnen: „Bean Design“- Ohrringe, Gelbgold und grüne Jade, von Tiffany & Co. (Foto: Tiffany & Co. Studio)

„Elsa sieht hundert Dinge in einer Sekunde“, sagte Michael J. Kowalski, Tiffanys ehemaliger CEO. „Mindestens.“ Peretti lächelt. „Ich war ein inquisitorisches Kind, habe mit den Augen gefragt und mit den Händen begriffen“,  erklärt sie und erzählt, wie sie als kleines Mädchen einen Reliquienknochen aus einer römischen Kirche stibitzt hat, „weil ich diese Vertiefungen und Wellen unter der Glätte der Oberfläche so wundervoll fand“. Die Inspiration für ihren legendären „Bone Cuff“. Der Reif sollte sich „wie etwas anfühlen, das zum Körper gehört, einfach und komplex wie die Natur“.

Überhaupt die Natur: Peretti lebt auf dem Land, verbringt Stunden am Meer, in die Geheimnisse von Muscheln und Seesternen vertieft. Am Ende lasse sich zwar alles auf einfache Formen reduzieren, aber bis es so weit ist, müsse man unzählige Details gesehen, gefühlt haben – „wie schwer es ist, eine wirklich schöne Rundung zu gestalten“, seufzt sie, deren Entwürfe sämtlich aus den schönsten Rundungen bestehen. „Aber dann, wenn es gelungen ist – was für ein Glück!“

Alle sollten ihre Designs kaufen können, nicht nur reiche Leute. So sind ihre berühmten „Diamonds by the Yard“ entstanden, „Diamanten am Meter“, wie man bei Tiffany&Co. ihren Bestseller nennt. Feine Silberkettchen, an denen Diamanten zittern. Wie Sprühregen auf der Haut. Nichts Kompliziertes, „Stil ist einfach!“, sagt sie und lacht auch gleich darüber. „Das habe ich schon vor 40 Jahren gesagt, nicht? Ich sollte wirklich aufhören.“ Als wir uns verabschieden, an diesem Junitag 2016, bringt sie uns „runter zum Wagen, to kiss you goodbye“.
 
Peretti stirbt im März 2021, mitten in der Pandemie. Bei „ihren Leuten“ in Sant Martí Vell, wo ihre Dessins wie Reliquien gehütet werden, ist sie unvergessen. Sie war der großherzigste Mensch, sagen sie dort. Ihre Entwürfe, einfach und großzügig, erzählen von ihr.

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