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Welche „Aesthetic“ bin ich? Gehören in meinen Kleiderschrank jetzt schmale Bleistiftröcke und Pelzmäntel oder doch weite Leinenhosen und weiße Tanktops? Muss ich minimalistisch, romantisch, klassisch oder extravagant sein?
Sie können aufatmen: Persönlicher Stil funktioniert nicht wie eine Schublade, in die man sich einmal sortiert und anschließend bleiben muss. En contraire: Gerade die Geschwindigkeit, mit der derzeit neue „Aesthetics“ in den sozialen Medien auftauchen und wieder verschwinden, zeigt, wie wenig sinnvoll es wäre, die eigene Garderobe konsequent nach einer einzigen Stilrichtung auszurichten.
Warum plötzlich alles eine „Aesthetic“ ist
Dass Mode in Stilrichtungen eingeteilt wird, ist nicht neu. Preppy, Boho, Minimalismus oder Punk existierten lange vor TikTok. Verändert hat sich vielmehr, wer Trends prägt – und vor allem, wie schnell sie sich verbreiten. Während früher Designer:innen, Magazine und prominente Stilikonen wesentlich darüber bestimmt haben, was als modisch galt, sind Inspiration und Informationen durch soziale Medien heute jederzeit verfügbar. TikTok, Instagram und Pinterest haben damit auch die Möglichkeiten vervielfacht, den eigenen Stil zusammenzustellen.
Gleichzeitig werden die Kategorien immer spezifischer. Auf Basis einzelner Kleidungsstücke, Farben und kulturellen Referenzen entstehen komplett stileigene Welten, die einen Namen bekommen und vom Algorithmus verbreitet werden. Manche knüpfen an vergangene Jahrzehnte an, andere entstehen unmittelbar aus der Popkultur. „Barbiecore“ profitierte beispielsweise vom Erfolg von Greta Gerwigs „Barbie“, während die Begeisterung für die HBO-Serie „Succession“ die Nachfrage nach der zurückhaltenden Eleganz von „Quiet Luxury“ verstärkte.
Die „Office Siren“ wiederum übersetzt die sexy Büromode der späten Neunziger- und Nullerjahre in die Gegenwart: schmale Brillen, figurbetonte Blusen, Bleistiftröcke, dunkle Farben und spitze Schuhe. „Coastal Grandmother“ steht für Leinen, Strick und gedeckte Naturtöne, „Mob Wife“ für Pelz, Animal-Print und auffälligen Goldschmuck. Fast jede modische Vorliebe scheint inzwischen einen eigenen Namen zu haben.
Was Social Media-Trends mit unserem Stil machen
Viele dieser Ästhetiken sind eng mit sogenannten Mikrotrends verbunden: Modeerscheinungen, deren Popularität rasant steigt und häufig ebenso schnell wieder abfällt. Ein Look taucht bei beliebten Creator:innen auf, wird über die For You-Page millionenfach ausgespielt, von anderen Nutzer:innen aufgegriffen – und gilt mitunter wenige Wochen oder Monate später bereits wieder als passé.
TikTok beschleunigt damit den Zyklus, in dem bislang Modetrends zirkuliert haben. Nur begegnen uns Trends heute nicht mehr hauptsächlich zweimal im Jahr auf dem Laufsteg oder monatlich in einer Zeitschrift, sondern täglich auf dem Smartphone. Outfitvideos, „Get Ready With Me“-Clips und Hauls sorgen dafür, dass innerhalb kürzester Zeit sehr viele Menschen dieselben Kleidungsstücke und Stylingideen sehen.
Aesthetics können eine wunderbare Möglichkeit sein, neue Seiten des eigenen Geschmacks kennenzulernen. Sie bieten Inspiration und ermöglichen es zugleich, Gleichgesinnte mit ähnlichen Interessen zu finden.
Zugegeben, einfach ist es nicht. Dank dem Internet standen noch nie so viele unterschiedliche Stilrichtungen so sichtbar zur Verfügung. Neben minimalistischen Looks finden sich verspielte, nostalgische oder bewusst exzentrische Ästhetiken. Dennoch sollte man sich diese nicht als eigene Stilvorgabe vorhalten. Denn kaum jemand kleidet sich im echten Leben ausschließlich nach einer einzigen Ästhetik. Vielleicht tragen Sie im Büro am liebsten einen klassischen Hosenanzug, kombinieren am Wochenende Jeans mit romantischen Blusen und greifen abends zu auffälligem Schmuck. Das ist kein Zeichen dafür, dass Sie Ihren Stil noch nicht gefunden haben. Genau diese Diversität ist Ihr Stil.
Persönlicher Stil entsteht nämlich durch die Entscheidungen, die wir immer wieder treffen: Zu welchen Schnitten greifen Sie regelmäßig aus dem Schrank? In welchen Farben fühlen Sie sich besonders wohl? Tragen Sie lieber figurbetonte Silhouetten oder mögen Sie Volumen und Muster? Wie kombinieren Sie Schuhe, Schmuck oder Taschen?
Ein kritischer Blick lohnt sich
Die Kehrseite der immer kürzeren Trendzyklen ist der Konsum, den sie erzeugen können. Gerade Mikrotrends stehen in der Kritik, Fast Fashion und Überkonsum zu begünstigen: Wenn ein bestimmter Look nur für kurze Zeit relevant erscheint, wächst der Anreiz, schnell und günstig die passenden Teile dafür zu kaufen.
Stattdessen ist es von Vorteil, Kleidungsstücke auszuwählen, die sich in verschiedene Looks integrieren lassen und damit länger halten als der durchschnittliche TikTok-Trendzyklus. Ein gut geschnittener Bleistiftrock muss schließlich nicht zusammen mit „Office Siren“ aus der Mode verschwinden. Mit Strickpullover und Loafern wirkt er klassisch, mit T-Shirt und Sneakern lässiger und mit einer Seidenbluse elegant.
Außerdem lohnt es sich, einen zweiten Blick auf die Bilderwelten hinter den Trendbegriffen zu werfen. Denn Aesthetics transportieren nicht nur modische Vorlieben, sondern mitunter auch Vorstellungen davon, welche Körper, Gesichter und Lebensstile als besonders erstrebenswert gelten. Eine Analyse des Marktforschungsunternehmens Synthesio von Millionen Social-Media-Beiträgen zu 20 Internet-Modestilen zeigt, dass in den Diskussionen darüber immer wieder Themen wie Rassismus, kulturelle Aneignung, Sexismus, Kolonialismus und Fatphobie auftauchen. Besonders kritisch wurde die „Clean Girl“-Ästhetik diskutiert: Der minimalistische Look mit „No-Makeup“-Make-up und betont natürlicher Schönheit wurde in den untersuchten Beiträgen häufig im Zusammenhang mit Rassismus und Fatphobie erwähnt.
Ab 40 muss Mode nicht plötzlich „vernünftig“ werden
Gerade reife Frauen begegnen allerdings noch einer weiteren Form der Stil-Schublade. Neben den schnell wechselnden Trends existieren hartnäckige Vorstellungen davon, was in welchem Alter noch „angemessen“ sei. Miniröcke? Angeblich zu jung. Auffällige Trends? Lieber nicht. Klassische Basics und gedeckte Farben? Die vermeintlich sichere Wahl.
Dabei gibt es keinen modischen Zeitpunkt, an dem Experimentierfreude gegen eine Garderobe aus Blazern, Blusen und Kaschmir eingetauscht werden muss. Im Gegenteil: Mit zunehmender Erfahrung wissen viele Frauen sehr viel genauer, was ihnen steht und – noch wichtiger – worin sie sich selbst gefallen.
Ältere Frauen wissen, dass Modetrends nicht mehr 1:1 komplett so übernommen werden müssen, wie der Leitfaden es vorschreiben will. Und ohnehin wirken Trends häufig interessanter, wenn man sie nicht von Kopf bis Fuß trägt. Ein einzelnes Element lässt sich leichter mit der eigenen Garderobe verbinden und verhindert, dass ein Outfit wie die Nachbildung eines Pinterest-Moodboards aussieht. Sobald man einen Trend in seine einzelnen Bestandteile zerlegt, lässt er sich viel leichter in den persönlichen Stil übersetzen. Und das schützt ganz nebenbei davor, für jede neue Ästhetik eine neue Garderobe anzuschaffen.
Stil darf sich verändern
Und selbst wenn man den eigenen Stil längst gefunden zu haben glaubt, muss er nicht für immer derselbe bleiben. Schließlich verändern wir uns im Laufe unseres Lebens ebenfalls. Wir machen neue Erfahrungen, lernen andere Menschen und Orte kennen, wechseln vielleicht den Beruf oder unseren Alltag und entdecken Dinge, die uns früher überhaupt nicht interessiert haben. Warum sollte ausgerechnet unser Geschmack davon unberührt bleiben?
Was mit 30 perfekt zur eigenen Persönlichkeit gepasst hat, kann sich mit 45 plötzlich nicht mehr richtig anfühlen. Farben, Silhouetten oder Stilrichtungen können plötzlich interessant werden, die man früher kategorisch ausgeschlossen hätte. Persönlicher Stil ist deshalb weniger ein Ziel, das man irgendwann erreicht, als etwas, das sich gemeinsam mit uns weiterentwickelt. Sich modisch neu zu orientieren bedeutet also nicht, den eigenen Stil verloren zu haben. Er kann zwar durchaus einen einen roten Faden haben, muss aber deshalb nicht starr sein.
Wer sich trotzdem mehr Orientierung im Kleiderschrank wünscht, kann statt nach einer festen „Aesthetic“ nach einer persönlichen Stilformel suchen. Dafür lohnt es sich, die Outfits zu betrachten, in denen man sich besonders gerne sieht. Was haben sie gemeinsam?
Ein neues Kleidungsstück muss dann nicht zu einer Online-Ästhetik passen. Stellen Sie sich lieber die Frage: Passt es zu mir – und passt es zu dem, was bereits in meinem Schrank hängt?
Am Ende sollte Mode keine Identitätsprüfung sein. Die zahlreichen „Aesthetics“ auf TikTok können Inspiration liefern, uns auf neue Kombinationen bringen und sogar dabei helfen, den eigenen Geschmack besser kennenzulernen. Eine bestimmte Mode-Aesthetic gibt einem Look einen Namen. Durch persönlichen Stil machen Sie es sich zu eigen.