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Kuratiert aus Ausgabe September 2026
Mode

Mehr als eine Modeerscheinung: Frauen über Fünfzig sind die neuen Musen der Designer

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Chanel-Gesicht der Cruise Kollektion 2027: Awar Odhiang mit 53 Jahren. (Foto: Courtesy of Chanel)

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Ist Altern wieder cool? Warum jetzt die Zeit der Fiftysomethings-Frauen gekommen ist.

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Ausgabe September 2026
Kuratiert aus Ausgabe September 2026


Die erste Furche der Hoffnung sahen wir in der vergangenen Saison auf dem Laufsteg von Givenchy. Es liefen einige Frauen über 40, aber die ausgeprägteste Nasolabialfalte trug das Topmodel Élise Crombez. Die schöne Belgierin lief mit absoluter Gelassenheit durch das Zeitalter, in dem pralle, faltenlose Gesichter das neue Normal zu sein scheinen. Élise Crombez ist 43. Genau der Zeitpunkt im Leben einer Frau, an dem man sich bisher dafür entschied, sich entweder dem natürlichen Verfall zu ergeben und irgendwann im Off zu verschwinden oder dem Verfall etwas entgegenzusetzen, also sich dem Teufelskreis von Injektionen und Schönheitseingriffen hinzugeben. Dieses von Kristallohrringen groß wie Kronleuchter eingerahmte, 43-jährige Gesicht schien mir im letzten Sommer wie eine dritte Option: sich dem natürlichen Verfall zu ergeben, aber nicht bedingungslos. Und schon gar nicht: im Off zu verschwinden. Denn bevor wir hier zum x-ten Mal das natürliche Altern bejubeln, möchte ich lieber ehrlich sein: Komplett natürlich kann mich mal! Ich mikrodosiere Mounjaro gegen die perimenopausale Körpermitte, ich bin überhaupt nicht gegen ein bisschen Botox, und hätte ich das Geld und nicht so viel Angst, würde ich nicht ausschließen, mich später wie all die Hollywood-Stars unters Messer zu legen und mich diesem sagenhaften Deep-Plane-Facelift zu unterziehen, das sie zu einer noch besseren Version ihres jüngeren Ichs macht. Anders gesagt: It’s biohacking, stupid! (und nein, mit Feminismus hat das nichts zu tun, nur mit Eitelkeit). Diese erste Nasolabialfalte auf dem Laufsteg ließ mich trotzdem aufatmen. Denn die Normalisierung von per Injektionen aufgeblasenen Gesichtern erschien mir in den letzten Jahren immer mehr wie ein dystopisches Horrorszenario, in dem Kinder keine Altersspuren mehr zu sehen bekommen. Jetzt also wählen Designer ganz bewusst die ältere Frau. Mode ist immer noch Avantgarde. Ihre Macht liegt zwar schon lange nicht mehr in der Rocklänge, aber immer noch in den kleinen, feinen Details, also dem Zeichensystem, das der Philosoph, Essayist und Semiotiker Roland Barthes beschrieb.

Alles andere als langweilig

Was also hat die mittelalte Frau auf dem Laufsteg zu bedeuten? Denn sie ist jetzt, in diesem Herbst – einfach überall. Beim zurzeit mächtigsten Label Chanel eröffnete die 50-jährige, silbergraue Stéphanie Cavalli die Show. Kreativdirektor Matthieu Blazy wollte sie noch nicht mal geschminkt, geschweige denn frisiert. Das ist wichtig, weil es schon immer ältere Damen auf dem Laufsteg gab, die dann divenhaft inszeniert wurden. Insgesamt liefen bei Chanel 15 Models, die älter als 40 Jahre waren. Während der Fashion Week für diesen Winter buchte Bottega Veneta neun ältere Models, Tom Ford auch; Givenchy acht, Balenciaga fünf, Louis Vuitton immerhin noch vier. Die unantastbaren Ikonen wie Kate Moss, 52, bei Gucci, Christy Turlington, 57, bei Michael Kors und Eva Herzigova, 53, bei Givenchy sind da noch nicht mal eingerechnet. Auch nicht die sieben Frauen aus der Kunstwelt, darunter Ming Smith und Amy Sherald, die bei Carolina Herrera auf dem Catwalk umjubelt wurden. Oder die Stargäste in den Front Rows. Bei Celine saß die 77-jährige Modejournalistin Joan Juliet Buck neben Naomi Watts, Sarah Paulson und Tracee Ellis Ross. Und bei Loewe war die 76-jährige Sissy Spacek zu Gast. Die Auswertung von Daten der Fashion-Suchmaschine Tagwalk zeigt: Nur fünf Prozent der 20 wichtigsten Marken ließen in dieser Saison ein Curve- oder Plus-Size-Model über den Catwalk laufen, aber 100 Prozent ein älteres Model. Dazu sei gesagt, dass im Fashion-Sprech „älter“ oft schon über 30 bedeutet. Die Verschiebung liegt eben nicht in der Anzahl von Lebensjahren, sondern, wie gesagt, im Detail. Designer interessieren sich jetzt für Models mit sichtbaren Alterungszeichen – graue Haare, Zornesfalten, hier und da Augenringe, also Gesichter mit einer Vergangenheit. Keine Sorge: Die Mode hat nicht etwa zu ihrer politischen Korrektheit gefunden (im Gegenteil: siehe das Verschwinden von Curvy-Models). So langweilig ist sie nicht.

Für einen großen Auftritt bei Balenciaga sorgt die 50-jährige Leslie Vénus.(Foto: Victor VIRGILE/Gamma-Rapho)
Matthieu Blazys Muse: Chanel-Model Stephanie Cavalli, 50. (Foto: Carlo Scarpato/launchmetrics.com/spotlight)
Hot Shot der Kunstszene: Malerin Amy Sherald, 53, lief für Carolina Herrera. (Foto: Victor VIRGILE/Gamma-Rapho)
Mit 43 bezauberte das belgische Model Élise Crombez mit ungeschminkter Schönheit – und Grandezza. (Foto: Courtesy of Givenchy)
Schauspielerin Gillian Anderson, 58, ging bei Miu Miu über den bemoosten Runway. (Foto: Estrop/ Getty Images)


Vielmehr vollzieht sich wohl gerade eine Art reality check. Denn die Mode hat ältere Frauen schon immer gebraucht. Als Mäzeninnen und Haute-Couture-Sammlerinnen, aber vor allem als Kundinnen, die sich den Luxus feinster Designs auch leisten können. Die stillschweigende Vereinbarung lautete bis jetzt: Die reife Frau finanziert den Traum, die junge Frau verkörpert ihn. Eigentlich ein Irrsinn, dass wir das so lange mitgemacht haben. Denn in einer Welt, die immer älter wird, hing dieses Bild zuletzt immer schiefer. Mode – und das ist eine ihrer größten Stärken – ist nicht sentimental, sondern immer auf der Suche nach Wertsteigerung, nicht nur ökonomisch, auch kulturell. Die sichtbar ältere Frau ist im Moment ein Pfund in beiden Bereichen. Weil sie erstens das Geld hat. Und zweitens in Zeiten der Uniformität und der internationalen Frauenverblödung auf Social Media und in Mar-a-Lago mitbringt, wonach sich alle sehnen: Echtheit und Autorität, erworben durch eine Lebensgeschichte, die längst kein Epos mit weißhaariger Erzählerin mehr ist, aber eben auch keine Booktok-Kurzgeschichte. Ein perfektes Beispiel für dieses neue Narrativ ist Romae Gordon. Anfang der 90er-Jahre begann die Jamaikanerin zu modeln, aber sie wurde nie ein Star. Nach ein paar Modeljahren machte sie die Schule fertig, später leitete sie eine Modelagentur. Vor einem Jahr dann starb ihr Partner. Eine Freundin überredete sie, wieder vor die Kamera zu treten. Aus dem privaten Neuanfang wurde plötzlich eine zweite Karriere. 2025 wurde Gordon für Dario Vitales erste und einzige Versace-Show gebucht, im Januar lief sie die Couture-Show von Chanel, danach auch die Ready-to-Wear. Das ist eine Comeback-Geschichte, die die Mode sonst nur erzählt, wenn jemand ohnehin ein Star war. Zwischen ihren ersten Modelversuchen und ihrem heutigen Erfolg liegt ein ganzes Leben, vom Studium bis zum tragischen Verlust.

„Die stillschweigende Vereinbarung in
bis jetzt: Die reife Frau finanziert den ändert sich gerade.“

Noch mal: Die Modewelt ist keine Wohltätigkeitsvereinigung. Dass eine 50-Jährige eine Jacke anders trägt als ein 18-jähriges Mädchen, wissen wir selbst. Wir erwachsenen Frauen tragen sie mit dem Wissen, dass wir aktiv Räume betreten, Blicke einfangen oder abprallen lassen müssen. Wir sind kein Spielball der Geschehnisse mehr. Wir wissen, dass wir schon lange keine Projektionsfläche für die Fantasien von Designern oder für den male gaze mehr sein müssen. Genau das macht uns für die Modewelt zu den interessantesten Konsumentinnen der Gegenwart. Denn wir lächeln nur noch über It-Bag-Hypes, interessieren uns für Material, Schnitt und dafür, ob ein neuer Mantel in unser Leben passt. Wir wissen, wie teuer Fehlkäufe sind, finanziell und psychologisch. Es scheint paradox, aber genau in der Tatsache, dass die Frau in der Perimenopause und danach keine leicht zu beeinflussende Zielgruppe mehr ist, sondern eine anspruchsvolle Instanz, liegt die größte Chance für die Mode. Schließlich muss sie sich, nach Jahren, in denen viele Labels digitale Aufmerksamkeit mit echtem Begehren erwechselten, schleunigst neu erfinden. Zeit also, die Gedankenwelt des hochkomplexen Wesens ältere Frau anzuzapfen. Und, klar, nicht nur die Gedankenwelt. Wir sind die erste Frauengeneration, die in großem Stil eigenes Geld verdient, investiert, ausgibt und auch kräftig erbt. Wenn ein Haus wie Chanel nun die ältere Frau ins Zentrum stellt, sagt es: Diese Kleidung ist nicht für einen kurzen Ahh-Moment gemacht, sondern für den Rest deines Lebens, du wunderbare, erwachsene Frau. Das ist die ökonomische Seite der neuen middle age visibility. Die andere ist die kulturelle. Denn nachdem man jahrelang mit den Kardashians Händchen gehalten hat, normalisierte sich der lebenslange Kampf gegen jede natürliche Pore; nachdem Lauren Bezos erfolglos versucht hat, die Met Gala und damit die Modewelt mit Millionenbudgets zu kapern, schämt man sich jetzt offensichtlich ein bisschen. Lauren Bezos ist auch eine mittelalte Frau, aber das genaue Gegenteil der neuen, ungeschminkten und ungespritzten Laufstegversion. Alles an Bezos ist prall, bearbeitet und hart. Sie ist der Inbegriff der normierten Instagram-Facelift-Glätte, der Filler-Gesichter, der Veneers, der überformten Lippen, der Silikonbrüste, der Plastiknägel, der Fake Lashes und der aufgedrehten Extensions, kurz, die Göttin der Hochglanz-Weiblichkeit, die man in den USA MAGA-Barbie-Look nennt. Aber natürlich ist sie nur der Extremfall. Wer noch nie gebotoxt oder einen Lash-Lift gebucht hat, werfe den ersten Stein! 

Jeff Bezos und seine durchgeliftete Gattin Lauren. (Foto: Swan Gallet/WWD via Getty Images)

Von diesem gemachten Mainstream in den Villenvierteln dieser Welt distanziert sich die Mode nun, mit ungeföhnten Haaren, ungeschminkten Gesichtern und den Zeichen der Zeit. Es ist ein Look und eine Lebenseinstellung, die schon seit Längerem in die Popkultur sickert. Die 50+-jährige Schauspielerin Amanda Peet zum Beispiel hat – man sieht es in der Apple TV-Serie „Your Friends and Neighbors“ – noch nie irgendetwas in ihrem Gesicht machen lassen und ist die schönste Frau der Serie. In den angesagtesten Boutiquen der Welt darf die Naturwelle der Besitzerinnen plötzlich ihre wattige Struktur behalten. Perimenopause ist plötzlich Lifestyle-Thema auf Instagram. Und High Heels bleiben im Schrank. Es ist kein Zufall, dass ein Look von Margot Robbie Anfang des Jahres zu einem der meistkopierten wurde: schwarze, knielange Basketball-Shorts, schwarzes T-Shirt, getragen mit Ballerinas von Alaia. Nie sahen wir auf dem Laufsteg mehr Flats als in dieser Saison. Dürfen und müssen wir uns jetzt also endlich alle entspannen? Das zu glauben, wäre wiederum naiv. Die Flats sind schließlich keine Turnschuhe, sondern Ballerina- oder Loafer-Formen, die man von den falschen Modellen unterscheiden können muss. Und während die Kardashian-Gesichter und -Körper der letzten Jahre mit jeder Pore sagten, dass hier hart gearbeitet, diszipliniert und kontrolliert wurde, sagt das neue, natürlich alternde Gesicht … im Grunde das Gleiche. Zeichen ändern sich. Aber das System nicht. Zwar ist es jetzt schicker, nicht auszusehen wie ein Eichhörnchen, das Nüsse in den Backen speichert, und stattdessen die Nasolabialfalte mit Ohrringen einzurahmen. Unser Gesicht muss endlich nicht mehr beweisen, dass es sich wie Atlas gegen die Schwerkraft stemmt. Aber eines darf es nicht sein: dick. Eine scharfe Knochenstruktur ist jetzt kein Defizit mehr, sondern löst das pralle Ballongesicht der letzten Jahre als Stilmittel ab. Man könnte es auch Ozempic face nennen. Womit wir beim großen Mitspieler der Altersrevolution auf dem Laufsteg wären, den GLP-1-Injektionen von Wegovy bis Mounjaro. Offiziell nur für Adipositas zugelassen, beschweren sich Caterer in Los Angeles immer öfter über die magere Auftragslage, weil keiner mehr was isst, und die ersten Restaurants haben schon auf Ozempic-freundliche Menüs umgestellt. Schon werden außerdem die Vorteile der Schlankspritze in der Menopause diskutiert.

Ist Mode denn nun tolerant?


Schnell ist man versucht, diese Entwicklung als Rückkehr des Size-zero-Wahns der 90er-Jahre zu verurteilen. Dass laut Tagwalk nur fünf Prozent der Top-20-Labels mindestens ein Curve- oder Plus-Size-Model zeigten, während alle 20 Marken ältere Models präsentierten, ist ein klares Signal: Bye bye, body positivity. Hello, age positivity! Bleibt also festzuhalten, dass unser Körper aus Modesicht älter werden darf, aber nicht voluminöser. Er darf graues Haar, Falten und Meinungen haben, aber er bleibt in der Silhouette diszipliniert. Ist die aktuelle Lage also ein „Rückfall“ in Bodyshaming und den Hungerwahn der frühen Nullerjahre? Ich finde nicht. Die neue Schlankheit unterscheidet sich von der Size-zero-Ästhetik, weil diese von Heroin Chic, Müdigkeit und Selbstvernachlässigung als Zeichen der Coolness geprägt war. Heute bedeutet Dünnsein nicht länger Hungern, Rauchen und Verschwinden, sondern – zumindest im Kontext unserer privilegierten Welt – eher das Ergebnis von gutem Management. Das Mantra vorm Buffet lautet nicht mehr „I don’t care“, sondern „I have access“: Zugang zu Medizin, Wissen, Geld und Zeit. Dass jetzt jeder dünn sein kann, verändert vor allem die Vorstellung davon, welcher Körper in welchem Alter möglich ist. Und wenn er jenseits der 40 oder 50 nicht mehr automatisch als hormonell unberechenbar, schlaff oder „für sein Alter noch attraktiv“ gelesen wird, sondern als formbar und steuerbar, dann ist die ältere Frau, die so viel interessanter aussieht als jedes junge Mädchen, für Designer die ultimative Muse. Die gesellschaftliche Macht von Luxusmode ist natürlich begrenzt. Wenn eine Frau mit grauem Haar heute eine Couture-Schau eröffnen kann, ist das keine Revolution, die von heute auf morgen die globale Einstellung gegenüber älteren Frauen verändert. Aber was sie kann, ist, das Bildarchiv zu komplettieren, in dem normale Frauen ohne Laufstegkarriere nach Vorbildern suchen. Die neue Frau über 50 sagt Ihnen nicht: Genau so musst du aussehen. Sie sagt Ihnen: Du bist noch lange nicht fertig. Und das ist für uns Frauen in der Lebensmitte alles andere als banal. Was also anziehen in diesem Winter? Bitte den Look der Saison, also die Furche der Hoffnung! Mit der wir nicht aussehen, als wollten wir krampfhaft an unserer Jugend festhalten – sondern so, als hätten wir Besseres vor.

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