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Kuratiert aus Ausgabe März 2026
Culture

Hilde Rød-Larsen im Interview – über ihre Heimat Norwegen

Hilde Rød-Larsen im Interview – über ihre Heimat Norwegen Hilde Rød-Larsen im Interview – über ihre Heimat Norwegen
Hilde Rød-Larsen ist fester Teil der norwegischen Literaturszene (Foto: Tine Poppe)

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Ausgabe März 2026
Kuratiert aus Ausgabe März 2026
Andere Perspektiven weiten den Horizont. Aber was wissen wir wirklich über fremde Länder? Wir fragen Frauen, die uns ihr Leben und ihre Heimat nahebringen. Dieses Mal: Me-too in Norwegen

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Ausgabe März 2026
Kuratiert aus Ausgabe März 2026

Norwegen ist eines der am dünnsten besiedelten Länder Europas – gerade einmal 5,6 Millionen Menschen leben in dem nördlichen Land, dessen Gesicht bestimmt wird von Wasser, Bergen, Mooren und Hochebenen. Gleichzeitig sind die Norweger leidenschaftliche Leser und begnadete Erzähler, mit großen Namen wie Henrik Ibsen, Karl Ove Knausgård oder Vigdis Hjorth. Auch Hilde Rød-Larsen ist fester Teil der norwegischen Literaturszene. In ihrem 40ern begann die Lektorin und Übersetzerin selbst zu schreiben und sorgte mit ihrem autofiktionalen Roman „Diamantnächte“ (Ullstein), für einen Me-too-Skandal in Norwegen, in dessen Folge ein Psychologe seine Zulassung verlor. Seitdem hat sich die 51-Jährige wieder auf Fiktion verlegt – fürs Erste.

Hilde, auf Social Media haben Sie stolz Ihr großes Bücherregal gepostet, maßgeschreinert für Ihre neue Wohnung. Wohin sind Sie gezogen?

Ich bin nur innerhalb meines Stadtteils umgezogen. Man könnte sagen, dass Oslo geteilt ist in einen bürgerlichen Westen, in dem ich aufgewachsen bin, und den Osten, wo früher die Arbeiter lebten und der inzwischen ziemlich gentrifiziert ist. Dort lebe ich seit meinem Auszug aus dem Elternhaus.

Oslo taucht oft in Ihren Büchern auf …

Oh ja, stimmt. Oslo spielt in jedem meiner vier Romane eine wichtige Rolle. So unterschiedlich sie sind – jeder ist eine kleine Liebeserklärung an Oslo.

Was macht die Stadt so lebenswert?

Ich bin eine leidenschaftliche Spaziergängerin und genieße es, dass ich einfach von zu Hause aus los­laufen und die ganze Stadt zu Fuß erkunden kann. Alles, das Literaturhaus, das Schloss, das Parlamentsgebäude, Kinos, Theater, liegt ganz nah beieinander. Gleichzeitig fühlt es sich nie voll an, obwohl es die Hauptstadt ist. Anders als in London ist der Stadtrand nie weit entfernt. Man ist im Nu im Wald oder am Fjord.

Im Westen Oslos bestimmen Gründerzeithäuser das Stadtbild – und immer wieder der Ausblick auf den Fjord. (Foto: Adobe Stock)

Sie brauchen kein Auto?

Das ist in Oslo eigentlich nicht nötig. Im Rest des Landes aber schon. Durch seine lang gestreckte Form muss man in Norwegen oft lange Strecken zurücklegen.

Gibt es einen Geruch, den Sie mit Ihrer Heimat verbinden, oder einen besonderen Ort?

Der von Salzwasser am fernsten Ende des Oslofjords, wo meine Mutter inzwischen lebt. Ich liebe die vom Meer glatt gewaschenen Felsen dort.

Gibt es auch einen typisch norwegischen Geschmack?

Es klingt komisch, aber für mich ist es ist der Geschmack unseres Leitungswassers. In anderen Ländern schmeckt es nach Chlor und flach – das Wasser in Oslo dagegen ist köstlich.

Trotzdem wollten Sie nach der Schule dringend weg.

Es gibt durchaus Dinge, die ich gar nicht mag an meiner Heimat. Wir sind so unglaublich selbstzufrieden, fühlen uns oft moralisch überlegen. Aber auch in unserem angeblich vorbildlichen Sozialstaat gibt es große soziale Differenzen und Armut. Und dann ist da vor allem noch der Umgang mit der Urbevölkerung …

Den Sámi?

Ja, unter anderem. Ihre gewaltsame Assimilation, die bis in die 1980er hinein andauerte, ist ein dunkles Kapitel, das bis heute nachwirkt. Man darf auch nicht vergessen, dass wir unseren Wohlstand den Ölvorkommen verdanken, deren Abbau eine Gefahr für unsere unberührte Natur ist. Aber nach London wollte ich aus anderen Gründen.

Welche waren das?

Ich wuchs als Einzelkind in einem Haus voller Bücher auf, in die ich mich oft flüchtete. Meine Mutter arbeitete als literarische Übersetzerin; meine Eltern hatten sich früh getrennt. Ich hatte zwar Freundinnen, war aber als junges Mädchen schrecklich schüchtern, vor allem gegenüber Jungen. Wie die Hauptfigur in „Diamantnächte“ beschloss ich, zum Studium an die London School of Economics zu gehen, um mich fern meines gewohnten Umfelds neu zu erfinden – als angeblich selbstbewusste junge Frau.

Und, hat es geklappt?

Wenige Monate später habe ich meinen ersten Freund kennengelernt. Und raten Sie mal, woher er kam? Norwegen!

So schnell hatte Ihre Heimat Sie wieder.

Vor allem aber hat er Romane gelesen, das war damals genug, um mich unsterblich zu verlieben. Aber natürlich war es auch verbindend, dass wir Norwegisch miteinander sprechen konnten. Für mich ist Sprache etwas sehr Intimes.

Norwegens Fjorde sind die Hinterlassenschaften geschmolzener Gletscher. (Foto: Adobe Stock)

Wenn Sie nicht selbst Romane schreiben, übersetzen Sie englischsprachige Literatur …

Mein Herz gehört Büchern. Leider steht es nicht so gut um übersetzte Literatur in Norwegen. Besonders die jungen Leute kaufen inzwischen Bücher im englischen Original. Ich glaube aber, dass es einen viel stärkeren Eindruck hinterlässt, wenn man es in seiner Muttersprache liest – vorausgesetzt, es ist gut übersetzt.

In Ihrem neuen Roman „Diamantnächte“ erinnert einiges an Ihre eigene Biografie – es geht um eine missbräuchliche Beziehung zum Vater einer Freundin, einem Psychologen.

Ich hatte eigentlich nie vor, an diese schmerzhafte Episode in meiner Vergangenheit zu rühren. Eigentlich wollte ich nur einen Roman aus der Ich-Perspektive schreiben. Als ich mir nach einer Weile die Fragmente ansah, begriff ich, um was es ging. Es hat mich angewidert, ich wollte zunächst alles in den Müll werfen. Dann hat mich die Geschichte aber nicht mehr losgelassen.

Was haben Sie beim Schreiben gelernt?

Meine Hauptfigur Agnete ist weder verliebt in den älteren Mann, noch fühlt sie sich körperlich von ihm angezogen. Trotzdem schläft sie mit ihm. Warum? Weil sie so verletzlich ist, psychische Probleme hat und sich nach Heilung sehnt. Er ist als Psychologe der Experte und gibt ihr das Gefühl, dass er sie und ihren Schmerz sieht.

Er nutzt seine überlegene Position aus.

Richtig, es geht um asymmetrische Machtstrukturen. Ich war früher skeptisch gegenüber Me-too, es schien mir überzogen. In Norwegen gab es damals einen großen Aufschrei. Während des Schreibens begann ich mich aber für meine mangelnde Solidarität mit anderen Frauen zu schämen und fühlte mich verpflichtet, meine Stimme zu nutzen, um die Scham vom Opfer auf den Täter zu verlagern.

Nach dem Erscheinen des Buchs im Jahr 2023 gab es eine große Diskussion über Machtmissbrauch in der Therapie, der Psychologe verlor seine Zulassung.

… worauf ich mir und der Welt beweisen musste, dass ich auch in der Lage bin, ein Buch mit einem klassischen Plot zu schreiben, in dem es nicht um mich geht.

Das Ergebnis ist eine Trilogie über Familiendynamiken, die hoffentlich bald auch auf Deutsch übersetzt wird.

Das wäre schön! Der erste Teil, „I Pantalones Hus“ beginnt mit einer Frau Ende 50, die in der Sauna eine junge Frau sieht und von einem seltsamen Gefühl ergriffen wird. Tatsächlich gibt es eine Verbindung zwischen den beiden, der ich nachspüre – gleichzeitig ist es ein kritischer Blick auf soziale Strukturen.

Wie wichtig ist Familie für Sie persönlich?

Ich bin stolze Mutter einer 23-Jährigen und eines 19-Jährigen, die beide studieren. Ich habe es immer als meine Aufgabe gesehen, ihnen so viel Liebe und Unterstützung zu geben, dass sie später gut auf eigenen Beinen stehen können. Jetzt habe ich das schöne Gefühl: mission accomplished. Ich genieße es, in liebevollem Kontakt zu sein – und nun eine ganze Wohnung nur für mich zu haben! (lacht)

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