Wenn man ein Konzentrat destillierte, das dem Geist des alten West-Berlin entspräche, dann käme wohl die „Paris Bar“ an der Kantstraße dabei heraus. Hier treffe ich mich mit der Schauspielerin Anne Ratte-Polle: an den Wänden dicht gedrängte Kunst, auch solche, die Stammgäste hinterlassen haben, besonders markant die raumgreifende Rakete von Cosima von Bonin. Das pariserische Flair ist hingezaubert mit den dunkelroten, in gutem Stil abgewetzten Sitzbänken, der steifen Tischwäsche und den Bistrotischchen auf schwarz-weißem Zementfliesen-Schachbrett. Und dass hier an manchen Abenden auch immer noch geraucht wird, atmet die gesamte Aura des Raumes. Heute Mittag steht die Eingangstür weit offen, um die frische Stadtluft und die Verkehrsgeräusche hereinzulassen. Anne Ratte-Polle, in weißem, leicht zerknittertem T-Shirt und schwarzer Hose, sagt: „Ich liebe diesen Ort, weil er so gewachsen ist.“
Sie versinkt ein wenig auf der Bank mir gegenüber, darum schiebt sie sich ihren Rucksack unter den Po und lächelt: alles gut, kein Platztausch vonnöten. Wir kennen uns aus unserer Schulzeit, unsere Freundeskreise überschnitten sich. Schon damals war sie bekannt für ihren coolen 70s-Style, die Vintage-Klamotten vom Bremer Steintor, wohin man mit dem Zug aus unserer Heimat Cloppenburg fuhr, um sich jenseits des Kleinstadt-08/15 neu erfinden zu können. Wir verbringen also die ersten Minuten mit dem Eintauchen in die gemeinsame Vergangenheit: Was macht noch mal x? Und was ist aus y geworden? Der weiß beschürzte Kellner lässt uns einen Moment Zeit, bis er die Bestellung aufnimmt: Zweimal die Finkenwerder Scholle von der Tageskarte mit Speck und Kartoffeln soll es sein, für Anne Ratte-Polle eine Weißweinschorle, für mich ein Glas Riesling nebst Wasser und einen Vorab-Cappuccino für die Künstlerin, die gerade von einem Shooting kommt. Sie promotet damit ihren aktuellen Film „Blindgänger“ und wird nach unserem Essen zur Kostümprobe erwartet. Der Dreh von Joachim Meyerhoffs Romanverfilmung „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ unter der Regie von Simon Verhoeven steht an. Es läuft also für die 51-Jährige. „Ich bin so glücklich gerade“, sagt Anne Ratte-Polle und prostet mir zu, „weil ich dieses Jahr so schöne und so ein lustiges Projekt habe.“ Sie spielt auf die Kinokomödie von Sonja Heiss an, „Raging Mums“, die als Nächstes auf ihrem Drehplan steht. Vier Frauen jenseits der 40 werden darin Emotionen, Ängste und Neuanfänge verarbeiten. Gleichzeitig spielt Ratte-Polle ebenso wieder ein Stück an der Berliner Volksbühne. Das Theater hat sie nie zugunsten der Filmerei ganz aufgegeben. Und bis heute freut sie sich nicht am meisten über das Lob der Kritiker, sondern über jenes der Bühnentechniker. „Die haben schon so viel gesehen“, sagt sie. „Und wenn ihnen etwas nicht gefällt, merkt man das auch.“
Unsere üppig in Butter schwimmenden Schollen werden serviert, Portionen, von denen man auch zwei Tage satt werden könnte. Über das Theater sind wir beim Thema Tod angekommen. Gerade stehe sie einer Freundin bei, erzählt sie, Helene Hegemann, die im Mai ihren Vater verloren hat. Carl Hegemann war ein bekannter Dramaturg. Erinnerungen an ihre eigenen Eltern, die bei einem Verkehrsunfall ums Leben kamen, kommen da unweigerlich hoch. Sie war zu dem Zeitpunkt im gleichen Alter wie Helene Hegemann jetzt – 33 Jahre alt. „Ich habe mich damals sehr auseinandergesetzt mit dem Tod, mit Nahtoderfahrungen und mit der Frage: Was kommt danach? Heiner Müller hat einmal gesagt: Theaterspielen ist Kommunikation mit den Toten.“ Wie das gemeint ist, hake ich nach. „Als Schauspieler setzen wir uns mit den Gedanken und Worten von meist verstorbenen Dramaturgen auseinander – und halten sie dadurch lebendig“, sagt sie und legt ihr Besteck erst einmal auf die Seite. „Ich frage mich oft, wie viel Arbeit man eigentlich in das steckt, was für die Gegenwart gar nicht wichtig ist, sondern Arbeit am eigenen Nachlass ist, an dem, was übrig bleibt.“ Sie zitiert damit ein Buch: „Zum Kunstwerk werden“, von Boris Groys, aus dem sie vor Kurzem anstelle des verstorbenen Carl Hegemann vorgelesen hat.
Nach dem Tod der Eltern habe sie sich in die Arbeit gestürzt in der Annahme, dass Produktivität auch Verarbeitung bedeutet. Ob ihr das gutgetan hat? Sie weiß es bis heute nicht. Aber das: Schauspielerin sei sie nicht geworden, um berühmt zu werden, sondern um sich auszudrücken. Als Beispiel nennt sie das Stück, das sie aktuell an der Volksbühne spielt und das zu einem großen Erfolg geworden ist: „The Hunger“, inszeniert von Constanza Macras. „Als Reaktion auf all den Irrsinn in der Welt ist das Stück eine mögliche Antwort, etwas Gutes, das ich geben kann.“ Anne Ratte-Polle spielt dort – und auch sonst – mit Leib und Seele, sie hinterlässt Abdrücke bei ihren Zuschauern. „Ich habe nie Kinder bekommen“, sagt sie jetzt, „weil ich wusste: Meine Arbeit geht nur ganz oder gar nicht. Ich wollte nicht mit einem permanent schlechten Gewissen meiner Familie gegenüber leben. Und ich bin anfällig für ein schlechtes Gewissen.“
Unsere Fischplatten sehen noch nicht so aus, als hätten wir viel davon gegessen. Der Anblick erzeugt auch bei mir ein schlechtes Gewissen. Es könnte an der Portionsgröße liegen oder auch an dem vielen Fett, in dem die Scholle und das Gemüse schwimmen. Keine gute Ausgangslage, wenn man keinen Mittagsschlaf machen kann … Anne Ratte-Polle erzählt von einem Agenten, der ihr in ihren Anfängen sagte, dass sie mit 24 schon zu alt sei, um im Filmgeschäft zu reüssieren. „Vielleicht habe ich auch deswegen schon sehr früh den Druck verspürt, ganz schnell ganz viel zu erreichen.“ „Erst“ mit 22 Jahren hatte sie angefangen, Schauspiel in Rostock zu studieren. Ursprünglich plante sie, Grundschullehrerin zu werden – Lehrerin wie ihre beiden Eltern es waren. Das Studium in Münster sei okay gewesen, gleichzeitig engagierte sie sich aber schon da in verschiedenen Theatergruppen. Als Schülerin sei sie selbst eher still und nicht allzu fleißig gewesen. Erst bei einem Theaterspiel am Gymnasium – da mimte sie eine alte Frau, Tante Irmengard – habe sie sich selbst ganz neu erlebt: „Auf einmal haben mich auch die Lehrer bemerkt“, erinnert sie sich. Sie sei sehr behütet aufgewachsen, mit zwei älteren Brüdern, mit Ponys und Pferden auf dem Dorf. Aber schon immer habe sie sich dagegen gesträubt, wenn man ihr etwas aufdrücken wollte. Großstadt, frei sein, das war die Lösung. Die erste Häutung hatte noch zu Hause stattgefunden, mit 17 Jahren: Statt Dauerwelle waren jetzt Plateauschuhe und 70s-Vintage-Kleidung angesagt. „Selbst der Dorf-Punk war irritiert“, lacht sie und träufelt noch etwas Zitrone auf ihre Scholle. Auf der Schauspielschule in Rostock konnte sie sich dann endgültig freispielen. „Da kam zwar niemand vorbei, um Talente zu scouten, aber ich konnte mich angstfrei ausprobieren – und war nicht abgelenkt.“
Ab und an schrillt eine Sirene von einem Krankenwagen ins Lokal, das Grundgeräusch-Geklimper der anderen Gäste schwillt an und ab. Die Tische im Eingangsbereich sind klar ersichtlich für Stammgäste vorgesehen, an manchen klebt eine Messingplakette: die von Rolf Eden, Berliner Playboy, oder von Schauspieler Otto Sander, der Stiefvater der Schauspieler Ben und Meret Becker. „Ich musste nie irgendwem irgendwas beweisen“, sagt Anne Ratte-Polle jetzt, nachdem der Tisch abgeräumt ist und wir uns einem Espresso und ihrem zweiten Cappuccino zuwenden. „Ich hatte ja keine Schauspieler in der Familie.“ Mitgenommen aus der Heimat habe sie das Lebensgefühl Punk. „Ich habe auch schon onaniert auf der Bühne oder war nackt. Man erwischt die Zuschauer bei ihrem Voyeurismus. Überhöhung, Witz, das macht Theater aus.“
Wenn man Anne Ratte-Polle so zuschaut, kommt man nicht umhin, festzustellen, wie körperlich sie spielt, wie fest und athletisch ihr Körper ist. „Ich weiß noch, wie uncool es war, Sport zu treiben, als wir jung waren“, lacht sie. „Bei meinem letzten Stück auf der Volksbühne – ,Murmel, Murmel‘, ein Stück mit nur einem Wort: Murmel – musste ich sehr fit sein. Da habe ich angefangen zu trainieren. Ansonsten radele ich viel durch Berlin, an die Seen, zum Schwimmen. Oder ich mache Yoga, um den Kopf freizubekommen.“ Trotz ihres vollgepackten Terminkalenders macht Anne Ratte-Polle einen entspannten Eindruck, kein einziges Mal während unseres Mittagessens hat sie auf die Uhr oder ihr Smartphone geschaut. Als wir uns verabschieden, freue ich mich über ihr Gazelle-Rad vor der Tür, genauso eines habe ich auch – und schon als Schülerin gefahren. Eine Weile schiebt sie ihr Rad neben mir her, bis wir uns an der S-Bahn voneinander verabschieden.