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„Siehst du, wie stark das Östrogen sinkt? Das ist die Libido. Wir stürzen jeden Moment von einer Klippe. In ein paar Jahren sind wir völlig andere Menschen!“ sagt die Ich-Erzählerin in Miranda Julys aktuellem Roman „Auf allen Vieren“, zu ihrer Freundin. In der ziemlich ungewöhnlichen Geschichte über Wechseljahre, Weiblichkeit, Lust und Ehrlichkeit ist die Protagonistin, eine Frau Mitte 40, gerade auf ein Diagramm gestoßen, das den plötzlichen Abfall des Östrogenspiegels in der Menopause zeigt.
Diese Angst, mit den Wechseljahren die Sexualität zu verlieren, beschäftigt viele Frauen, wird aber noch zu selten offen besprochen. Dabei ist eine schwindende Libido kein unausweichliches Schicksal. Es gibt zahlreiche Wege, den Herausforderungen zu begegnen, die eigenen Bedürfnisse neu zu entdecken und die Sexualität in dieser Lebensphase vielleicht sogar neu zu definieren. Wir erklären, warum es so wichtig ist, darüber zu sprechen, welche Ursachen dahinterstecken und welche Lösungsansätze helfen können.
Körperliche Faktoren
Ab dem 40. Lebensjahr treten bei vielen Frauen hormonelle Veränderungen auf. Besonders während der Perimenopause und Menopause kommt es zu einem signifikanten Rückgang von Östrogen und Testosteron. Östrogen ist entscheidend für die Feuchtigkeit und Elastizität der Vaginalschleimhaut, während Testosteron die Libido direkt beeinflusst. Durch den Hormonmangel können Beschwerden wie vaginale Trockenheit, Juckreiz und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr (Dyspareunie) auftreten. Das kann so unangenehm werden, dass man Intimität bewusst vermeidet, was die emotionale Verbindung in der Partnerschaft belasten kann. Dr. Sheila de Liz, Fachärztin für Frauenheilkunde und Bestseller-Autorin erklärt: „Durch den Östrogenmangel wird die Haut der Vagina dünn und verletzlich und baut sich mit der Zeit immer weiter ab, was Schmerzen beim Sex, Brennen und Juckreiz zur Folge haben kann. Davon sind geschätzt 70 bis 80 Prozent aller Frauen betroffen! Aber eine konsequente und dauerhafte Behandlung mit Östriolsalbe kann alles retten, Pflegesalben hingegen gar nichts.“
Interessanterweise zeigt eine aktuelle Analyse, dass aber nur etwa eine von zehn Frauen in der Perimenopause tatsächlich eine geringere Libido verspürt. Dies unterstreicht, dass hormonelle Veränderungen nicht zwangsläufig zu einem Libidoverlust führen, sondern weitere Faktoren eine Rolle spielen. Dennoch bleibt die Wechselwirkung von Libido und Wechseljahren ein viel zu wenig untersuchtes Feld, das mehr Aufmerksamkeit verdient. Der Hormonrückgang beeinflusst zudem die Durchblutung im Beckenbereich, was die sexuelle Erregung erschweren kann. Chronische Erkrankungen wie Diabetes oder Schilddrüsenerkrankungen, die im Alter häufiger auftreten, verschärfen diese Probleme oft. Medikamente wie Antidepressiva oder Blutdrucksenker können ebenfalls Nebenwirkungen haben, die die sexuelle Lust mindern.
Psychologische Faktoren
Stress ist besonders häufig in der Lebensmitte, aber auch Angstzustände und Depressionen beeinträchtigen zunehmend. Frauen in ihren 40ern befinden sich oft in einer Sandwich-Generation: Sie jonglieren zwischen beruflichen Anforderungen, der Erziehung von Kindern und der Betreuung älterer Angehöriger. Diese ständige Beanspruchung lässt wenig Raum für Selbstfürsorge und Intimität. Kommt dann noch die Perimenopause ins Spiel, wird es erst richtig anstrengend. „Schwankende Hormonwerte einerseits und nächtliche Grübeleien andererseits können dazu führen, dass man keine Lust mehr hat auf Sex," erklärt Dr. Sheila de Liz. "Ist ja klar irgendwie: Nachts nicht mehr durchschlafen zu können, sein Leben kritisch zu betrachten und festzustellen, was nicht mehr passt, kann einen schon in eine Krise stürzen, noch dazu vielleicht in einer Partnerschaft, bei der einiges oder vieles im Argen liegt.“ Frauen berichten beispielsweise, dass sie Schwierigkeiten haben, sich im Moment des sexuellen Erlebens zu entspannen, was den Genuss stark reduziert. Auch unrealistische Erwartungen, die durch Medien und gesellschaftliche Normen vermittelt werden, setzen viele Frauen unter Druck, perfekt zu sein und ihre Attraktivität ständig zu beweisen. Ein Beispiel hierfür ist die Vorstellung, dass Frauen jenseits der 40 ihre Sexualität weniger aktiv oder attraktiv ausleben sollten, was zu Unsicherheiten führt.
Partnerschaftliche Faktoren
In einer langjährigen Beziehung schleichen sich häufig Routine und Monotonie ein. Bei Intimität, die nur noch reine Gewohnheit ist, leidet die Leidenschaft natürlich. Mangelnde Kommunikation über sexuelle Wünsche und Bedürfnisse verschärft das Problem. Wenn einer der Partnerinnen sich unverstanden fühlt, kann dies zu Frustration und einer Entfremdung führen.
Darüber hinaus kann der Fokus auf Alltagsaufgaben dazu führen, dass Zweisamkeit vernachlässigt wird. Kleine Gesten und gemeinsame Rituale wie regelmäßige Date-Nights oder intime Gespräche können helfen, diese Distanz zu überwinden.
Wechseljahre und ihre spezifischen Auswirkungen
Die Wechseljahre bringen nicht nur körperliche, sondern auch emotionale Veränderungen mit sich. Hitzewallungen, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen führen dazu, dass man sich erschöpft und gereizt fühlt, das wirkt sich natürlich leicht negativ auf die Lust aus. Gleichzeitig zeigen Studien, dass die hormonellen Veränderungen allein nicht bei allen Frauen zu einem Libidoverlust führen. Vielmehr spielen psychologische Faktoren und der Lebensstil eine wesentliche Rolle.
Aber die Wechseljahre können auch eine Gelegenheit sein, die eigene Sexualität neu zu entdecken. Dr. Sheila de Liz betont: „Du kannst jetzt Sex haben um des Sexes willen, einfach weil es Spaß macht. Ich glaube jedoch, eine der erfreulichsten Erfahrungen, die man in sexueller Hinsicht jenseits der vierzig machen kann, ist, dass unsere Sexualität grundsätzlich immer noch ausbaubar ist. Viele Frauen trauen sich nun eher mal, Neues im Bett auszuprobieren.“
Frauen, die aktiv nach Wegen suchen, um ihre körperlichen und emotionalen Bedürfnisse zu erfüllen, berichten oft von positiven Erfahrungen. Hierbei helfen Selbstreflexion und der Austausch mit anderen Frauen, die sich in einer ähnlichen Lebensphase befinden.
Die Auswirkungen auf die Lebensqualität
Sexuelle Unlust wirkt sich nicht nur auf die Partnerschaft, sondern auch auf das Selbstbewusstsein und die emotionale Gesundheit aus. Unterschwellige Schuldgefühle, dem Partner nicht gerecht zu werden, können dazu führen, körperliche Nähe komplett zu vermeiden, was zu einem Gefühl von Unzulänglichkeit führt.
Partnerschaftliche Spannungen entstehen, wenn das Thema unausgesprochen bleibt. Dies kann zu Missverständnissen und einer emotionalen Distanz führen. Gleichzeitig verlieren Frauen selbst den Zugang zu ihrer eigenen Sinnlichkeit und Lebensfreude. Besonders belastend ist, wenn die Unlust als persönliches Versagen empfunden wird. Hier kann professionelle Unterstützung helfen, die eigenen Gefühle zu entlasten und Lösungen zu finden.
Das Thema mit Partner oder Partnerin offen zu besprechen ist ein zentraler Schritt. Das schafft Verständnis und fördert eine gemeinsame Lösungsfindung.
Auch eine Paartherapie kann helfen, tiefere Beziehungsdynamiken zu verstehen und neue Wege für Intimität zu eröffnen. Hierbei lernen Paare, Bedürfnisse klar zu kommunizieren und Konflikte respektvoll anzugehen.
Hormontherapie: Der gezielte Einsatz von Hormonen, wie niedrig dosiertem Östrogen oder Testosteron, kann helfen, die körperlichen Auswirkungen der Wechseljahre zu lindern. Eine Hormonersatz-Therapie fördert die Durchblutung, verbessert die vaginale Feuchtigkeit und steigert die Libido. Ein Arzt oder eine Ärztin kann individuelle Lösungen erarbeiten, die auf die Bedürfnisse der Frau abgestimmt sind.
Pflanzliche Alternativen: Traubensilberkerze und Mönchspfeffer sind bekannte pflanzliche Mittel, die hormonelle Ungleichgewichte sanft ausgleichen können. Studien zeigen, dass diese Pflanzenstoffe helfen können, Hitzewallungen zu reduzieren und das allgemeine Wohlbefinden zu steigern, was sich positiv auf die sexuelle Lust auswirkt. Ergänzend können Maca-Wurzel und Ginseng eingesetzt werden, die als natürliche Energiespender gelten und das sexuelle Verlangen fördern können.
Sportliche Übungen: Regelmäßige Bewegung kann die Libido steigern, indem sie die Durchblutung verbessert und das Stressniveau senkt. Besonders hilfreich sind Beckenbodenübungen (z. B. Kegel-Übungen), die die Durchblutung im Intimbereich fördern und die Kontrolle über die Beckenmuskulatur verbessern. Yoga und Pilates können zusätzlich die Flexibilität steigern und helfen, Körper und Geist in Einklang zu bringen. Schon 20 Minuten Yoga pro Tag können die Energie und das sexuelle Verlangen spürbar steigern. Ein gezieltes Programm für Beckenbodentraining kann zudem die sexuelle Empfindsamkeit erhöhen.
Gleitmittel und vaginale Feuchtigkeitscremes: Speziell entwickelte Produkte können sofortige Linderung bei Trockenheit bieten und den Komfort beim Geschlechtsverkehr erhöhen. Einfache Maßnahmen wie diese können den Druck und die Angst vor Intimität erheblich mindern. Natürliche Gleitmittel auf Wasserbasis oder mit Aloe Vera bieten eine sanfte Alternative für empfindliche Haut. Langfristig hilft bei stärkeren Beschwerden aber nur eine Östriolsalbe, erklärt Dr. Sheila de Liz: „Durch den Östrogenmangel wird die Haut der Vagina dünn und verletzlich und baut sich mit der Zeit immer weiter ab, was Schmerzen beim Sex, Brennen und Juckreiz zur Folge haben kann. Davon sind geschätzt 70 bis 80 Prozent aller Frauen betroffen! Aber eine konsequente und dauerhafte Behandlung mit Östriolsalbe kann alles retten, Pflegesalben hingegen gar nichts.“
Achtsamkeitsübungen, wie Meditation, können helfen, sich besser auf den Moment einzulassen und Stress abzubauen. Regelmäßige Atemübungen oder geführte Meditationen sorgen für größere innere Ruhe, die sich positiv auf das sexuelle Empfinden auswirkt.
Eine Sexualtherapie bietet Raum, über persönliche Hemmungen oder tief sitzende Ängste zu sprechen, um die eigenen Bedürfnisse besser artikulieren zu können und alte Denkmuster abzulegen.
Sexuelle Unlust bei Frauen ist viel zu lange ein Tabuthema gewesen und sollte endlich offen besprochen werden. Die Wechseljahre bringen zusätzliche Veränderungen, bieten aber auch die Möglichkeit, die eigene Sexualität neu zu entdecken. Ob durch hormonelle Unterstützung, pflanzliche Mittel, Sport oder eine bewusste Neugestaltung der Partnerschaft – es gibt zahlreiche Ansätze, die Lust wieder anzufachen. Wichtig ist, sich selbst die Zeit und den Raum geben, um herauszufinden, was einem guttut.