Für Liebhaber wertvoller Edelsteine gibt es ein fernes Paradies: Gem Palace, Indiens Mekka der glamourösen Juwelen. Man betritt es durch ein düsteres Kabuff, auf dessen abgewetztem Teppichboden meist ein paar Männer hocken – es sind Fahrer, Führer oder sonstige Bedienstete, die sich leise im Halbdunkel unterhalten. Jenseits der Kammer ist es still und kühl. Räume wie aus einer anderen Zeit: schummrig, mit dicken Teppichen und Seidentapeten. In der Luft schwebt eine unverwechselbare Duftmischung aus Zigarettenrauch, Holzpolitur, Parfum und Geschichte. Gem Palace ist das Reich der Familie Kasliwal – eine eingeschworene Sippschaft aus Brüdern und Cousins leitet das Juweliergeschäft in neunter Generation und hat sich als „die Cartiers Indiens“ etabliert. An einer Wand hängt das Foto von Susan Sarandon mit strahlendem Lächeln und einem opulenten Collier um den Hals. Neben ihr schauen Lady Di, Jacqueline Kennedy, Nicole Kidman, das japanische Kaiserpaar und die letzte Maharani von Jaipur sichtlich zufrieden in die Kamera. Sie haben vermutlich mit einem der Kasliwals geplaudert, einen würzigen Masala Chai serviert bekommen und den Turban aus Diamanten und Emaille bewundert, der von Vorfahren der Familie gefertigt wurde und einen Wert von sieben Millionen Dollar haben soll. Sie durften in Schubladen voll glitzernder Ketten greifen und einzelne Edelsteine wie Murmeln durch die Finger gleiten lassen. Unwahrscheinlich, dass sie den Laden mit leeren Händen verlassen haben.
Doch täuschen lassen sollte man sich davon nicht: Jaipur ist alles andere als ein Schmuckkästchen. Auf der zentralen Mirza Ismail Road schieben sich Tuk-Tuks, Fahrradrikschas, Busse, Autos und Eselwagen nur meterweise voran. Das Hupkonzert findet kein Ende, und wer nicht in einem klimatisierten Wagen mit Fahrer und Führer unterwegs ist, sondern eigenständig und zu Fuß, wird nur wenig von dem finden, was für Menschen aus der westlichen Welt selbstverständlich ist: Taxis, Toiletten, Banken, Cafés. Die Vier-Millionen-Metropole ist anstrengend – voll, laut, staubig, heiß, und wenn es mal regnet, steht in Nullkommanichts alles unter Wasser. Trotzdem ist Pink City, die rosafarbene Stadt, jede Strapaze wert.
Jaipur wurde vor knapp 300 Jahren von einem aufgeklärten Maharadscha mit einem Gespür für Architektur und einer Vorliebe für Juwelen in die trockene Hügellandschaft Rajasthans gebaut. Benannt nach ihrem Gründer Sawai Jai Singh II., folgt sie einem Rasterplan mit schnurgeraden Straßen, schattigen Arkaden für Fußgänger, prächtigen Palästen für den Adel und Vierteln, die für die vielen Handwerker vorgesehen waren, die hier ein neues Handelszentrum errichten sollten. Eine moderne Metropole. Die Hauptstadt von Rajasthan mit ihrem ikonischen rötlich-rosafarbenen Anstrich wird regelmäßig zur schönsten Stadt des Landes gewählt. Seit 2019 gehört sie zum UNESCO-Weltkulturerbe, und es gibt 1001 Gründe, weswegen sie im vergangenen Jahr von über 600 000 ausländischen Touristen besucht wurde.
Jaipurs Altstadt – riesiger Marktplatz mit tollen Souvenirs
Schon in städtebaulicher Hinsicht ist Jaipur einmalig: Das Zentrum ist großzügig und weitläufig – nirgendwo in Indien findet man eine Altstadt mit diesen Dimensionen. Tausende von Händlern haben sich hier angesiedelt, mit teilweise winzigen Läden und üppigen Auslagen vor der Tür. Tatsächlich ist der ummauerte Stadtkern ein einziger großer Marktplatz. Schon die Straßennamen weisen darauf hin: Nehru Bazar, Bapu Bazar und Johari Bazar bieten all jene Dinge, für die Jaipur berühmt ist, etwa bunt bedruckte Textilien, blaue Keramik, Teppiche, feine Emaillearbeiten, Miniaturgemälde, exotische Parfums. Zu den beliebtesten Souvenirs zählen die traditionellen, handbestickten Schuhe („Jootis“) und die weichen und biegsamen Sandalen aus Kamelleder („Chappals“). Eine gute Auswahl davon gibt es bei Rishi Shoes, dem wohl schönsten Schuhladen der Altstadt.
Rund um den Blumenmarkt, wo duftende Blüten zu Girlanden und anderen Opfergaben verarbeitet werden, sind die Gewürzhändler zu finden. Neben klassischen Mischungen wie „Garam Masala“ oder „All Spice“ haben sie feinen Safran aus Kaschmir, süßen Zimt, getrocknete Rosen, Muskatnüsse, Kardamomwurzeln und Koriander, Honig und kleine Flaschen mit heiligem Gangeswasser im Sortiment. Schmuck und Silberwaren sind im angrenzenden Ramganj Bazar zu finden, feinste Baumwollstoffe mit ungewöhnlichen Mustern und leuchtenden Farben gibt es im Johari Bazar.
Der Stadtpalast von Jaipur – Glanz der Maharadschas
Im Zentrum der Altstadt steht der in klassischer Mogul-Architektur mit Säulengängen, Gärten und Höfen errichtete Stadtpalast. Die Eintrittskarte für 500 Rupien (knapp fünf Euro) gewährt Zutritt ins Maharaja-Sawai-Man-Singh-II.-Museum, in dem der Luxus aus vergangener Zeit mit einer Sammlung von Teppichen, Textilien, Emaillearbeiten und Waffen wieder aufscheint. Mit einem „Royal Grandeur“-Ticket für 2500 Rupien darf man auch die Wohnräume der Monarchen besichtigen, darunter den prunkvollen Speisesaal, dessen Stühle Armlehnen in Form von silbernen Löwen haben und dessen Wände mit Goldstaub und Pigmentfarbe aus Rubinen und Smaragden bemalt sind. Bis heute bewohnen Jaipurs Herrscher einen Teil des Gebäudekomplexes, so auch der amtierende Maharadscha.
Der kaum 30-jährige Padmanabh Singh gilt als begehrtester Junggeselle Indiens, Stilikone, talentierter Polospieler und weltweit vernetzte Celebrity. Ihm dort auf den Fluren der öffentlich zugänglichen Räume zu begegnen? Unwahrscheinlich. Bessere Karten haben die Gäste der Cocktailbar „The Sarvato“, die Padmanabh Singh mit dem Gastronomen Abhishek Honawar auf einer der Dachterrassen des Palasts eröffnet hat – er wolle „die Pracht der Väter mit modernem Luxus verbinden“. Mission accomplished.
Sehenswürdigkeiten & Wahrzeichen von Jaipur
Zu den weiteren historischen Sehenswürdigkeiten zählen das idyllisch auf einem See schwimmende Jal-Mahal-Schlösschen, die astronomische Observatoriumsanlage Jantar Mantar aus dem frühen 18. Jahrhundert und natürlich das berühmte Hawa Mahal mit seinen unzähligen Erkern und Fenstern, aus denen einst die Ehefrauen der Könige und ihre rein weibliche Entourage unbemerkt das Leben auf der Straße beobachten konnten, ohne selbst gesehen zu werden. Anstatt nur die imposante blassrote Fassade des Palasts der Winde zu fotografieren, sollte man sich in das Gebäude hineinwagen: Mit seinen weitläufigen Innenhöfen, aufwendigen Gitterwerken und den 953 Jharokhas oder Fenstern, die einen einmaligen Blick auf die Stadt bieten, ist der Palast der Winde eine ausgiebige Besichtigung wert.
Als Jaipurs größte Attraktion gilt jedoch das stolz und unverwüstlich auf einem Bergkamm des Aravalli-Gebirges thronende Amber Fort. Die aus rotem Sandstein und weißem Marmor errichtete Festungs- und Palastanlage aus dem 16. Jahrhundert bewacht Rajasthans ehemalige Hauptstadt Amber. Durch den offenen, mit Säulen versehenen Audienzsaal weht stets ein sanfter Wind, die Aussicht auf die Berghänge und den grünen Maota-See ist spektakulär. Im märchenhaften Spiegelsaal Sheesh Mahal sind Wände und Decken mit geometrischen und floralen Mustern bedeckt, in die Tausende Folienplatten, Mosaiksteinchen und Spiegel eingelegt wurden und für einen kaleidoskopisch funkelnden Effekt sorgen. Im Restaurant „1135 AD“ sitzt man auf einer Terrasse mit kerzenbeleuchteten Tischen und genießt die vielen kleinen, in Silberschälchen servierten Gerichte eines klassischen nordindischen Thali.
Was noch? Gefühlt alle 100 Meter steht ein Hindu-Tempel am Straßenrand – der Hinduismus mit seinen farbenfrohen Göttern und Göttinnen ist in Rajasthan allgegenwärtig. Besonders interessant ist der moderne Birla-Tempel aus weißem Marmor, der dem Gott Vishnu und seiner Gemahlin Lakshmi gewidmet ist. Er wurde 1988 von der Industriellenfamilie Birla erbaut und ist mit fantastischen Buntglasfenstern versehen, die hinduistische Mythen darstellen. Von hier sind es 20 Taximinuten zum Govind-Dev-Ji-Tempel, der mit Blick auf die Fenster des Stadtpalasts erbaut wurde. Insider kommen am frühen Abend, wenn Priester in safranfarbenen Gewändern die Vorhänge zum Altar zurückziehen und den Blick auf Lord Krishna freigeben, der unter goldenen Schirmen Flöte spielt.
Design & Shopping in Jaipur
Jaipur punktet auch mit einer Vielzahl eleganter Boutiquen, die selbst verwöhnte Fashionistas begeistern dürften. Bei Rasa gibt es neu interpretierte Mughal-Textilien, exquisite Kleider, Schals und Bettwäsche aus Seide, Baumwolle oder Leinen, bei Anokhi wunderschöne Tuniken, Taschen und Tücher, die mit Jaipurs berühmter Blockprint-Technik bedruckt sind. Im zauberhaften Laden Hot Pink, der von der Pariser Juwelierin Marie-Hélène de Taillac gegründet wurde, hängen Baumwollkleider und Seidentuniken in bonbonfarbenen Tönen von indischen oder französischen Designern, bei Idli findet man fantastisch gemusterte Damen- und Herrenmode, Kissen, Bettwäsche und Stoffe als Meterware – alles vom französischen Innenarchitekten und Modedesigner Thierry Journo entworfen, der in Jaipur lebt und arbeitet. Bei Satayam sind die Baumwollschals mit Mogul-Motiven aus Blattgold bedruckt und so fein, dass man durch sie hindurchsehen kann, während bei Andraab Schals, Tücher und Bettbezüge aus schmeichelzartem Kaschmir zu haben sind. Als Geheimtipp gilt die Trunks Company, die sich im zweiten Stock eines namenlosen Gebäudes im Industrieviertel von Jaipur verbirgt. Die hier ausgestellten Truhen und Koffer werden vor Ort aus feinstem italienischem Leder maßgefertigt: Ein Koffer aus Jaipur – warum nicht? Die Erinnerungen an die rosafarbene Stadt allerdings sind bezaubernder als jedes Souvenir.