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Gender Data Gap in der Medizin - Warum Medikamente oft für Männer gedacht sind

Gender Data Gap in der Medizin - Warum Medikamente oft für Männer gedacht sind Gender Data Gap in der Medizin - Warum Medikamente oft für Männer gedacht sind
Unterrepräsentation von Frauen in medizinischer Forschung ist ein strukturelles Problem (Foto: Unsplash)

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Wenn Forschung am männlichen Körper Maß nimmt – und Frauen die Folgen tragen

Obwohl Männer insgesamt öfter betroffen sind, sterben Frauen beim Herzinfarkt häufiger als Männer. Studien aus den USA und Europa zeigen, dass Frauen ein mehr als doppelt so hohes Risiko haben, nach einem Herzinfarkt zu sterben. Besonders bei jüngeren Frauen unter 55 Jahren, welche einen Herzinfarkt erleiden, gibt es eine deutlich höhere Sterblichkeitsrate als bei gleichaltrigen Männern. Einer der Gründe liegt in der Diagnostik – denn typische Symptome wurden jahrzehntelang am männlichen Körper definiert. Während Männer häufig mit starken Brustschmerzen reagieren, leiden Frauen öfter unter diffusen Beschwerden wie Übelkeit, Atemnot, Rückenschmerzen oder extremer Erschöpfung. Diese Symptome werden noch immer zu oft fehlinterpretiert oder zu spät erkannt. Das Beispiel Herzinfarkt gilt als eines der prägnantesten Beispiele für den Gender Data Gap in der Medizin.

Was ist der Gender Data Gap und warum betrifft er die Medizin?

Der Begriff wurde maßgeblich durch das Buch „Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert“ von Caroline Criado Perez geprägt.  In dem Sachbuch analysiert die Autorin, wie eine überwiegend auf männlichen Daten basierende Welt die Bedürfnisse von Frauen ignoriert und dadurch strukturelle Diskriminierung in Alltag, Medizin und Technologie erzeugt. Diese Datenlücke, die entsteht, wenn Analysen und Forschung überwiegend auf männlichen Probanden basieren, ist der Gender Data Gap. In der Medizin bedeutet das konkret, dass klinische Studien mit mehr männlichen, als weiblichen Teilnehmenden stattfinden. Außerdem werden Symptome am männlichen Krankheitsbild definiert und auch Dosierungen der Medikamente orientieren sich am Durchschnittsmann. Die Medizin gilt zwar als wissenschaftlich fundiert und neutral, doch ein genauer Blick auf Studien, Medikamententests, sowie Dosierungsempfehlungen zeigt ein strukturelles Problem: die Unterrepräsentation von Frauen in medizinischer Forschung, der Gender Data Gap – oft mit unterschätzten Folgen. Die zentrale Frage lautet daher: Warum werden so viele Medikamente primär für den männlichen Körper entwickelt?

Historische Gründe: Schutz oder Vernachlässigung?

Historisch gilt der männliche Körper als Standard, der weibliche hingegen als Abweichung. Lange Zeit wurden Frauen bewusst aus klinischen Studien ausgeschlossen und Medikamente nur an Männern getestet. In den 1950er Jahren wurde der Schlankmacher Menocil auf den Markt gebracht – eine Pille, welche mindestens 850 Menschen schwer erkranken ließ, sowie Contergan - ein Schlaf-und Beruhigungsmittel für Schwangere, welches gravierende Fehlbildungen bei mindestens 5.000 Embryonen in Deutschland auslöste. Besonders nach diesen Arzneimittelskandalen wollte man Frauen im gebärfähigen Alter und deren ungeborene Kinder schützen. Was als Schutzmaßnahme begann, führte zu jahrzehntelanger Unterrepräsentation. Erst in den 1990er Jahren begannen Organisationen wie die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA und WHO (World Health Organisation) stärker auf die Einbeziehung von Frauen in Studien zu drängen. Doch die Lücke ist bis heute nicht vollständig geschlossen und etliche Dosierungsrichtlinien basieren noch immer auf älteren, männlich dominierten Datensätzen.

Unterschiedliche Körper, unterschiedliche Wirkung

Dass Medikamente bei Frauen und Männern unterschiedlich wirken, liegt an grundsätzlichen, biologischen Unterschieden der Körper. Medizinisch relevante Aspekte sind hierbei etwa die verschiedenen Hormonhaushalte, Enzymaktivitäten und Stoffwechselgeschwindigkeiten. Vor allem der Menstruationszyklus bewirkt bei Frauen Schwankungen in der Hormonlage, welche es bei Männern nicht gibt. Außerdem haben weibliche Körper im Durchschnitt eine geringere Körpermasse, sowie ein bis zu 30 Prozent kleineres Herz, jedoch einen um 5-10 Prozent höheren Körperfettanteil. Diese Unterschiede beeinflussen, wie Medikamente aufgenommen, verteilt und abgebaut werden. Forschung basierend auf Männern macht sich im weiblichen Krankheitsbild bemerkbar: Studien zeigen, dass Frauen im Durchschnitt fast doppelt so häufig unter Nebenwirkungen leiden wie Männer. Geschlechtergetrennte Darstellungen von Nebenwirkungen gibt es aktuell bei lediglich 10 Prozent der neuen Medikamente.

Beispiel Endometriose

Ein besonders präsentes Beispiel für strukturelle Vernachlässigung ist die Krankheit Endometriose. Rund zehn Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter sind betroffen – das entspricht weltweit etwa 190 Millionen Menschen. Trotz dieser Häufigkeit dauert es im Durchschnitt sieben bis zehn Jahre, bis eine Diagnose gestellt wird. Warum? Die Krankheit wurde historisch kaum erforscht, Schmerzen während der Menstruation wurden lange als „normal“ abgetan. Außerdem sind die finanziellen Mittel für die Forschung im Vergleich zu ähnlich verbreiteten chronischen Erkrankungen deutlich geringer. Endometriose kann zu andauernden Schmerzen, Unfruchtbarkeit und erheblichen Einschränkungen im Alltag führen. Dennoch gibt es bis heute keine kausale Heilung, sondern lediglich symptomatische Therapieansätze – ein deutliches Zeichen dafür, wie stark geschlechterspezifische Krankheiten vom Gender Data Gap betroffen sind – wohl unter anderem auch, weil die Forschung lange männlich dominiert war und speziell weibliche Krankheitsbilder in der Folge weniger untersucht wurden.

Medikamente und Nebenwirkungen

Dass Medikamente häufig an dem männlichen Stoffwechsel getestet wurden, zeigt sich besonders bei Schlafmitteln, Antidepressiva oder Herzmedikamenten. Einige Präparate mussten Jahre nach ihrer Zulassung neu für Frauen dosiert werden. Ein Beispiel ist der Schlafwirkstoff Zolpidem – erst Jahre nach der Zulassung stellte sich heraus, dass Frauen den Wirkstoff deutlich langsamer abbauen. Dies führte zu erhöhter Unfallgefahr. In der Folge empfahl die FDA schließlich eine halbierte Dosis für Frauen. Bei Schmerzmitteln zeigen Studien, dass Frauen Paracetamol beispielsweise 30 Prozent langsamer ausscheiden als Männer. Die Gefahr einer Überdosierung mit nachfolgenden Nebenwirkungen ist dementsprechend hoch. Östrogen, das weibliche Hormon, führt zu einer Erhöhung der Schmerzempfindlichkeit, besonders nach den Wechseljahren führt ein geringer Östrogenspiegel zu niedrigerer Schmerztoleranz.

Allmählicher Wandel in der Pharma-Forschung

Glücklicherweise wächst das Bewusstsein für den Gender Data Gap zunehmend. Immer mehr Studien werden heute geschlechterdifferenziert ausgewertet. Moderne Forschung berücksichtigt Zyklusphasen, hormonelle Einflüsse und geschlechterspezifische Nebenwirkungen. Diese Studien sind jedoch teurer, aufwendiger und methodisch anspruchsvoller, was ihre Umsetzung in der Praxis verzögert.

Präzisere Medizin braucht geschlechtersensible Forschung

Es geht längst nicht nur um Repräsentation, sondern um konkrete Gesundheitsrisiken. Eine Medizin, die primär am männlichen Körper ausgerichtet ist kann Diagnosen verzerren, Therapien weniger wirksam machen oder Krankheitsverläufe falsch einschätzen. Die moderne Medizin bewegt sich zunehmend in Richtung personalisierte Therapie. Dazu gehört eben auch die Berücksichtigung biologischer Geschlechtsunterschiede. Der Gender Data Gap zeigt, dass „One size fits all“ in der Medizin nicht funktioniert. Die Zukunft liegt in einer Forschung, welche Frauen nicht als Sonderfall betrachtet, sondern als gleichwertigen medizinischen Standard. Nur so können Medikamente für alle sicher, wirksam und lebensverlängernd sein.

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