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Kuratiert aus Ausgabe Mai 2025
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Ein Kuss: Sechs Sekunden, die über Lust und Frust entscheiden

Ein Kuss: Sechs Sekunden, die über Lust und Frust entscheiden Ein Kuss: Sechs Sekunden, die über Lust und Frust entscheiden
Gregory Peck küsst seine Filmpartnerin Ann Todd während der Dreharbeiten zu David O. Selznicks Spielfilm „Der Fall Paradin“, in dem sie die Rollen von Sir Anthony Keane und seiner Frau Gay Keane spielen (Foto: Getty Images)

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Kuratiert aus Ausgabe Mai 2025
Ein Kuss lässt Funken fliegen – oder löst Fluchtreflexe aus. Unsere Autorin schreibt hier über hervorragende und eher mäßige Küsser – und dass das nicht immer etwas mit Verliebtheit zu tun hatte

Sex ist nichts gegen einen Kuss. Das wissen wir aus dem schlecht gealterten Film „Pretty Woman“, wo die Prostituierte den schönen Milliardär nicht auf den Mund küsst, aber für alles andere verfügbar ist. Wenn man den Begriff Küssen googelt, stößt man auf unromantische Informationen, die die psychologischen und physischen Vorteile beschreiben. Zum Beispiel sind beim intensiven Lippen-auf-Lippen-Event 34 Muskeln beteiligt, werden im Schnitt zwei bis sieben Kalorien pro Minute verbrannt, wird das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet. Cortisol, das Stresshormon, sinkt hingegen, Küsse wirken also so entspannend wie eine Katze auf dem Schoß. Der Puls steigt, die Durchblutung verbessert sich, nicht schlecht fürs Herz-Kreislauf-System. Das Liebeshormon Oxytocin wird ausgeschüttet, es ist dafür verantwortlich, dass wir uns an einen Menschen binden. Und zuletzt ist ein Kuss auch deswegen der ultimative Wahnsinn, weil man Millionen von Bakterien austauscht, was gut fürs Immunsystem ist.

Ein Kuss ist nie das Happy End

So, die Fakten, die beim Küssen wirklich niemanden interessieren, hätten wir aus dem Weg geräumt. Die Magie liegt ja nicht im Wellness-Faktor. Die Magie des Kusses liegt im Verrücktwerden. Für den Geküssten, aber auch da­rüber, dass der Geküsste einen küsst. Es gibt unzählige legendäre Kussszenen in Filmen, die in „Casablanca“ ist vielleicht die berühmteste, aber nicht die wahnsinnigste. Filmküsse, die mich umgehauen haben, sind: Benjamin und Mrs Robinson in „Die Reifeprüfung“ (so skandalös und gleichzeitig so unbeholfen, dass sich Mrs Robinson erst mal eine Zigarette anzündet). Die beiden schwarzen Teenager Kevin und Chiron in „Moonlight“ (die sich zum ersten Mal küssen, obwohl sie nicht wissen, wie der andere reagieren wird). Und die Aufzugszene in Nicolas Winding Refns brutalem Werk „Drive“ mit Ryan Gosling. Er steht mit seiner großen Liebe und einem Widersacher im Aufzug, sieht dessen Pistole und: küsst sie, in Zeitlupe. Es ist ein Moment der innigsten Liebe. Und des Abschieds, weil er sich Sekunden später umdreht und den Widersacher mit Stiefeltritten ins Jenseits befördert. Sie wird ihn nie wieder so sehen können wie vorher. All diese Szenen zeigen: Der Kuss ist nie ein Happy End, sondern das Gegenteil, ein Anfang. Der Kuss bestimmt darüber, wie es weitergeht im Leben, mit dem Geküssten oder ohne ihn. Er ist ein Moment der totalen Verletzlichkeit, und es gehört zu den größten Wundern der Welt, dass wir dieses Risiko immer wieder eingehen.

Helikopterzungen & Goodbyes

Der letzte Kuss hinters Ohr des geliebten Hundes, bevor er einen verlässt, bleibt einem genauso im Gedächtnis wie der erste Kuss mit der großen Liebe. Der Kuss entscheidet in Beziehungen darüber, ob man sich nach einem Streit dem Partner wieder nah fühlen kann (Psychologen empfehlen Paaren in Friedenszeiten mindestens einen sechs Sekunden langen Kuss pro Tag). Er lässt beim Verlieben endgültig die Funken fliegen oder löscht die zarte Flamme der Hoffnung in Millisekunden. Das bringt uns direkt zum miesen Kuss: die Helikopterzunge. Wenn ich meinem jungen Ich eine Nachricht schicken könnte, dann die: „Wenn ein Mann seine Zunge in deinen Mund rammt und darin rührt wie ein von KI gekaperter Mixstab, nimm deine viel zu hohen Schuhe in die Hand und lauf! Du kannst Dir (Stichwort rammen) so viel schlechten Sex ersparen!“ Aber die Hoffnung und die Blödheit sterben, wenn man jung ist, leider zuletzt. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als es in Frauenzeitschriften um den perfekten Sex ging und darum, wie man Männern erklärt, was sie tun oder lassen sollen. Man kann einem Mixstab aber das Küssen nicht beibringen. Er ist ein hoffnungsloser Fall, weil er nur für sich mixen will. Einem Mixstab fehlt das Wesentliche: die Empathie.

Küssen bleibt Magie

Das Stichwort. Gutes Küssen ist eine einzige Übung im Sich-in-den-anderen-Versetzen. Den perfekten Kuss gibt es nicht, weil es keine Regeln gibt, die auf jeden passen (im Gegensatz zum Blowjob, wo es treffsichere und durcherforschte Erfolgstechniken gibt). Ein guter Kuss ist nicht nur die Erforschung der Seele eines anderen, sondern auch die totale Einlassung auf sie. Intimer und deswegen erotischer geht es nicht. Der Flirt-Coach Horst Wenzel sagte in einem Interview im Deutschlandfunk, dass wir beim Küssen eigentlich nichts anderes machen müssen, als den anderen zu kopieren. Beiße das Gegenüber einem liebevoll in die Lippe, wäre das höchstwahrscheinlich genau das, was er sich selbst wünsche. Aber man kann aus einem schüchternen, zarten Küsser keinen heißblütigen Italiener machen, der seine Seele in seiner Zunge verortet.

Apropos Italiener, bei der Kusseinstellung stößt man auch oft auf kulturelle Unterschiede. Ein Amerikaner küsste mich nicht gern in der Öffentlichkeit und auch sonst lieber nur als Einleitung für Sex, weswegen ich bis heute daran glaube, dass nicht nur Trump das Leben als Transaktion sieht. Alle meine italienischen Lieben hingegen wollten ständig knutschen, was auf die Dauer extrem belastend werden kann. Das alles aber ist nicht per se schlecht. Wie man Küsse empfindet, hat, abgesehen vom Mixstab, immer mit einem selbst zu tun. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich Küsse von Menschen, in die ich nicht verliebt war, mich vor Ekel schüttelnd, meinen Freundinnen als labberig beschrieb. Ich erinnere mich aber auch daran, dass ich in genauso einen Küsser mal schwer verliebt war und seine Zurückhaltung als allerfeinste Zärtlichkeit empfand.

Nur 46 Prozent der Weltbevölkerung, haben US-Forscher herausgefunden, küssen sich überhaupt romantisch. In großen Teilen Afrikas oder im Amazonas-Gebiet ist dieses Gebaren unbekannt, und das, obwohl sich Menschen seit 4500 Jahren aus Zuneigung küssen, wie Wissenschaftler 2023 herausfanden. Auch in Texten aus dem alten Mesopotamien und Ägypten, rund 2500 vor Christus, gibt es Belege für diesen erotischen Akt der Zuneigung. Aber was ist mit den hervorragenden Küssern in meinem Leben, die das Gegenteil der großen Liebe waren, oft sogar nur One-Night-Stands? Wie konnte ich diesen zugegeben interessanten Mann in Tokio, für den ich nichts empfand, so leidenschaftlich küssen, habe ich mich oft gefragt. Jetzt, Jahre später, weiß ich es: weil ich verliebt war. Nicht in den Mann, aber in diesen Moment in dieser aufregenden Stadt in diesem Grandhotel. Küssen also ist, ja, gesund. Aber vor allem ist und bleibt es Magie.

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