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DER FEINE UNTERSCHIED: Wann ist Badebekleidung außerhalb von Strand und Pool angemessen?

DER FEINE UNTERSCHIED: Wann ist Badebekleidung außerhalb von Strand und Pool angemessen? DER FEINE UNTERSCHIED: Wann ist Badebekleidung außerhalb von Strand und Pool angemessen?
Model Kate Moss trägt einen mit Blumen bedruckten Bikini der Marke „Oceano by La Perla“ und eine Strickjacke von Claude Montana. (Foto: Arthur Elgort/Conde Nast via Getty Images)

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Oft sind es die Details, die uns im Alltag ins Grübeln bringen: Wann steht man auf, wenn eine ältere Person den Bus betritt? Wer reicht bei einer Begrüßung zuerst die Hand? In unserem Format „Der feine Unterschied“ beantwortet Chefredakteurin Petra Winter regelmäßig die wichtigsten Knigge-Fragen und gibt wertvolle Tipps für stilvolles Auftreten

Ich erinnere mich an einen Mittag in Saint-Tropez, viele Jahre ist es her. Eine junge Frau betrat, im knappsten aller Bikinis und mit nichts weiter bekleidet, eine jener kleinen Boutiquen in den Gassen hinter dem Hafen. Die Verkäuferin sagte kein Wort. Sie lächelte nur, griff nach einem zarten Seidenpareo, legte es der Kundin um die Schultern und sagte: „So, jetzt sind Sie angekommen." Es war keine Belehrung. Es war eine Geste. Und es war eine der elegantesten Lektionen in Stil, die ich je beobachtet habe.

Denn darum geht es am Ende: nicht um Verbote, nicht um Scham, sondern um das feine Gespür dafür, dass jeder Ort seine eigene Sprache spricht. Badebekleidung ist die Sprache des Wassers. Überall sonst lohnt es sich, ein zweites Kleidungsstück mitzunehmen – und sei es nur, um sagen zu können: Ich bin angekommen.

Trotzdem gibt es im Sommer immer wieder diese Momente, die sich Jahr für Jahr wiederholen – und die mehr über uns verraten, als uns lieb ist. Es ist jener Augenblick, in dem jemand vom Pool kommt, das Handtuch lässig über die Schulter geworfen, und beschließt, dass der Weg zur Strandbar, zum Supermarkt oder gleich ins Restaurant auch im Bikini zu bewältigen sei. Schließlich ist Urlaub. Schließlich ist es warm. Schließlich, so die innere Logik, sieht man ja ohnehin alle anderen nur halb bekleidet.

Und doch liegt genau hier der feine Unterschied. Denn Badebekleidung ist, ihrem Wesen nach, eine Kleidung des Ortes. Sie gehört dorthin, wo Wasser ist – an den Strand, an den Pool, an den See. Sobald sie diesen Ort verlässt, verliert sie ihre Selbstverständlichkeit. Was am Beckenrand vollkommen angemessen ist, wirkt drei Straßen weiter plötzlich deplatziert. Nicht, weil zu viel Haut zu sehen wäre – sondern weil der Kontext nicht mehr stimmt.

Es geht hier nicht um Sittenstrenge, sondern um etwas Eleganteres: um das Gespür dafür, was ein Ort verlangt. Eine gute Garderobe ist immer eine Antwort auf die Frage „Wo bin ich gerade?“ – und die Antwort „am Strand“ gilt eben nur am Strand.

Die Faustregel ist denkbar einfach: Sobald Sie eine Schwelle überschreiten, die den Badebereich vom öffentlichen Leben trennt, gehört etwas über die Badebekleidung. Ein Kaftan, ein leichtes Hemdblusenkleid, ein Pareo, eine weite Leinenhose. Nichts davon ist kompliziert, nichts davon kostet mehr als dreißig Sekunden – und doch macht es den Unterschied zwischen jemandem, der vergessen hat, sich anzuziehen, und jemandem, der weiß, was er tut.

Wenn der Staat die Etikette übernimmt

Dass es sich dabei nicht um eine private Marotte handelt, beweist ein Blick nach Italien. In Orten wie Sorrent, Tropea oder Cagliari ist das Flanieren in Badebekleidung außerhalb der Strandzonen schlicht verboten – wer im Bikini oder mit nacktem Oberkörper durch die Innenstadt spaziert, riskiert empfindliche Bußgelder, die bis zu mehreren Hundert Euro reichen können. Man mag das streng finden. Ich finde es vor allem angenehm: Es spricht aus, was gute Manieren ohnehin gebieten würden. Wo der Anstand schweigt, übernimmt eben die Gemeindeverordnung.

Und das gilt nicht nur für Italien. Auch an der Côte d’Azur, auf Mallorca oder in den Küstenstädten Kroatiens gehört es längst zum guten Ton, dass die Innenstadt kein verlängerter Strandabschnitt ist. Der Respekt vor einem Ort, an dem Menschen einkaufen, arbeiten und leben, ist Teil dessen, was Reisen kultiviert macht.

Die Häuser, die es ganz genau nehmen

Manche Adressen haben diese Haltung zur Kunstform erhoben. Im legendären Hotel du Cap-Eden-Roc auf Cap d’Antibes etwa darf man das Zimmer nicht einmal im Bademantel verlassen – von Badebekleidung allein ganz zu schweigen. Wer zum berühmten Pool über dem Mittelmeer hinuntermöchte, kleidet sich an: leichte Garderobe, gepflegt, dem Haus angemessen. Erst am Pool wird die Badebekleidung wieder, was sie sein soll. Es ist eine Regel, die manche als altmodisch empfinden mögen – und die doch genau jene Atmosphäre schafft, für die ein solches Haus geliebt wird. Eleganz beginnt eben nicht am Strand, sondern auf dem Weg dorthin.

Die Grauzonen – und wie man sie meistert

Natürlich ist nicht alles schwarz und weiß. Es gibt jene fließenden Übergänge, an denen sich der wahre Stil zeigt.

Die Strandbar direkt am Wasser: Hier genügt meist ein übergeworfenes Hemd oder ein Pareo. Sie sind noch im Reich des Sommers, aber nicht mehr nackt im Sand.
Das Hotelfrühstück: Niemals im feuchten Bikini. Ein Badeanzug mit Tunika darüber ist die Untergrenze – schöner ist ein leichtes Kleid. Andere Gäste essen, und ein tropfender Träger neben dem Buffet ist niemandes Appetitanreger.
Der schnelle Gang zum Supermarkt: Streifen Sie sich etwas über. Es dauert eine Minute und erspart Ihnen, in mancher Region tatsächlich, ein Bußgeld.
Die Poollandschaft im Spa-Hotel: Hier herrschen Hausregeln. Der Bademantel ist nicht nur erlaubt, sondern erwünscht – er ist die elegante Brücke zwischen Wellnessbereich und Lobby.

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