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DER FEINE UNTERSCHIED: Wie benimmt man sich auf der Damentoilette?

DER FEINE UNTERSCHIED: Wie benimmt man sich auf der Damentoilette? DER FEINE UNTERSCHIED: Wie benimmt man sich auf der Damentoilette?
Die kleine Schule der großen Gesten. (Foto: Getty Images)

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Oft sind es die Details, die uns im Alltag ins Grübeln bringen: Wann steht man auf, wenn eine ältere Person den Bus betritt? Wer reicht bei einer Begrüßung zuerst die Hand? In unserem Format „Der feine Unterschied“ beantwortet Chefredakteurin Petra Winter regelmäßig die wichtigsten Knigge-Fragen und gibt wertvolle Tipps für stilvolles Auftreten.

Es gibt Orte, an denen eine Gesellschaft sich unverstellt zeigt. Der Fahrstuhl gehört dazu, die Warteschlange – und, mit einiger Verlässlichkeit: die Damentoilette. Ein Raum, der, so unscheinbar er sich gibt, seit jeher als Bühne dient für alles, was draußen Haltung verlangt und drinnen Menschlichkeit erlaubt. Dass ausgerechnet dieser Ort jüngst feuilletonistische Erregung ausgelöst hat – der Kritiker Dennis Scheck bezeichnete den Inhalt von Ildikó von Kürthys neuestem Buch „Alt genug“ als „Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette auf einer Hochzeit“ –, verrät weniger über Bücher als über die anhaltende Unterschätzung eines Raums, in dem erstaunlich viel verhandelt wird.
Dabei ist die Damentoilette nie nur funktional. Sie ist Rückzugsort, Beichtstuhl, Garderobe, Notaufnahme, manchmal sogar eine Art Außenministerium der Gefühle. Wer sie betritt, betritt eine stille Übereinkunft. Und wie bei allen guten Übereinkünften lohnt es sich, ihre Regeln zu kennen.

Erstens: Die Sache mit dem Deckel.

Man könnte meinen, es handle sich um eine banale Frage der Mechanik. Ist es aber nicht. Der hochgeklappte Deckel ist ein kleiner Affront gegen die Nächste, die kommt; der heruntergelassene eine Geste der Voraussicht. Gute Etikette bedeutet hier: den Raum so zu hinterlassen, wie man ihn selbst vorfinden möchte – im Zweifel einen Hauch besser. Papier gehört in die Schüssel, nicht daneben. Wasser wird gespült, nicht verspritzt. Es ist die einfachste Form von Respekt, und doch die, an der es am häufigsten fehlt.

Zweitens: Diskretion am Waschbecken.

Das Waschbecken ist die diplomatische Zone der Damentoilette. Hier gilt ein feines Gleichgewicht zwischen Nähe und Abstand. Man steht nebeneinander, nicht gegenüber. Man hört, ohne zuzuhören. Und man spricht – wenn überhaupt – in der Tonlage einer wohltemperierten Andeutung. Und wer schweigt, ist nicht kühl, sondern kultiviert.

Drittens: Der aufmunternde Blick.

Es gibt diese Momente, in denen eine Frau den Blick in den Spiegel länger hält, als es für Lippenstift nötig wäre. Vielleicht ist es der Tag, der nicht gelungen ist. Vielleicht ist es das Kleid, das plötzlich zu viel sagt. In solchen Augenblicken genügt eine Geste – nicht mitleidig, sondern bestätigend. Ein kaum merkliches Nicken, das sagt: Du bist ganz richtig hier. Es ist die leiseste Form der Solidarität und zugleich die wirksamste.

Viertens: Der diskrete Hinweis.

Hier beginnt die hohe Kunst. Denn nichts ist heikler, als auf ein kleines Malheur hinzuweisen, ohne es groß zu machen. Und doch gehört genau das zum ungeschriebenen Kodex. Die Strumpfhose mit Laufmasche, die sich tapfer nach oben arbeitet. Der Rock, der sich im Rücken in die Strumpfhose verirrt hat – ein Klassiker, der schon Karrieren gefährdet hat. Der Lippenstift, der sich über die Kontur hinaus emanzipiert hat. Oder die Bluse, die zwischen zwei Knöpfen einen unerwarteten Einblick gewährt.

Die Regel lautet: sagen, aber so, als würde man ein Kompliment machen. „Darf ich kurz…?“ – und dann ein leiser Hinweis, begleitet von einem kleinen, präzisen Zur-Tat-Schreiten. Keine Dramatik, keine Bühne. Wer hilft, verschwindet danach wieder in die Anonymität des Raums. Es ist ein Akt der Zivilcourage im Miniaturformat.

Fünftens: Die Kunst der spontanen Allianz.

Die Damentoilette ist, allen Unkenrufen zum Trotz, einer der letzten Orte spontaner Verbundenheit. Hier leiht man Haarspray, teilt Kaugummi, reicht ein Taschentuch. Hier wird ein Kompliment ehrlicher ausgesprochen als vor Publikum: „Das Kleid steht Ihnen ausgezeichnet.“ Und ja, hier entstehen jene flüchtigen Allianzen, die den Abend retten können.

Dass nun der am 25. Juni erscheinende Sammelband „Die Damentoilette“ (Park x Ullstein) mit 20 Beiträgen namhafter Schreiberinnen diesen Raum als sozialen und politischen Ort feiert, kommt nicht von ungefähr. Die Damentoilette ist ein Mikrokosmos unserer Ordnung: Wer fühlt sich hier sicher? Wer zögert? Wer nimmt Raum ein, wer macht ihn anderen? Es sind Fragen, die sich zwischen Seifenspender und Spiegel ebenso stellen wie im großen Diskurs.

Und vielleicht liegt genau darin die Pointe dieses viel belächelten Ortes: Er zwingt zur Rücksichtnahme ohne Applaus, zur Aufmerksamkeit ohne Publikum. Gute Manieren zeigen sich hier nicht im großen Auftritt, sondern in der kleinen Geste. Am Ende verlässt man die Damentoilette meist ein wenig gefasster, als man sie betreten hat. Und wenn alles gut gegangen ist, hat man – ohne viel Worte – dazu beigetragen, dass es auch für die Nächste so sein kann. Das ist keine Posse. Das ist, im besten Sinne, Kultur.

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