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Poesie im Jetzt: Anna Seidel über Lyrik und Mode

Poesie im Jetzt: Anna Seidel über Lyrik und Mode Poesie im Jetzt: Anna Seidel über Lyrik und Mode
Anna Seidel trägt einen Midi-Rock und eine Bluse mit Ballonärmeln, beides von Brunello Cucinelli. Schmuck: Manpriya Jewellery (Foto: Benjamin Kaufmann)

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Kuratiert aus Ausgabe April 2026
Anna Seidel gehört zu einer neuen Generation von Poetinnen, die Lyrik neu denken: inklusiv und nahbar statt angestaubt und elitär

Wenn Anna Seidel über Lyrik spricht, hat man das Gefühl, als wäre sie ein Raum, den man betreten kann. Ein Raum voll Licht und Rhythmus, der vor allem eines ist: für jeden zugänglich. Eine Haltung, die sie zur Stimme einer neuen Generation von Poetinnen macht. „Schon als Kind habe ich mit Worten gespielt - Reime, Neologismen, ich habe ausprobiert, was Sprache kann. Das Schreiben war für mich immer Heimat“, sagt sie. „Egal, wo ich
war oder bin - im Schreiben bin ich zu Hause.“

Bis heute versteht Seidel Lyrik als Inszenierung. „Mit Rhythmus und Melodie kannst du eine ganze Gefühlswelt evozieren“, sagt sie. „Fast wie ein Orchester. Oder ein Set-Design. Du schaffst einen Raum, in dem man sich bewegen kann.“ Ein Gedicht ist für sie kein abgeschlossenes Konstrukt. „Die Essenz von Lyrik ist Ambiguität. Sie lässt mehrere Wege offen.“ Der Unterschied zu Prosa ist für Seidel klar: „Bei einem Gedicht bist du nicht nur Beobachter, sondern Kollaborateur.“ Sie nennt Gedichte „Empathy Machines“ – Texte, die Gefühle präzise festhalten, ohne sie zu erklären. Auch ihr eigener Weg widerspricht den Klischees. Seidel studierte Wirtschaft und Philosophie, unter anderem an der Harvard University und der Universität St. Gallen, bevor sie ihre literarische Ausbildung im Creative Writing an der Universität Oxford vertiefte. Ökonomie und Poesie sieht sie nicht als Gegensätze. „Mich interessiert, wie Systeme funktionieren – ökonomische, gesellschaftliche, emotionale.“

Zur Wide-Leg-Denim kombiniert Anna Seidel einen taillierten Blazer, beides von Victoria Beckham, über lodenfrey.com. Heels: Manolo Blahnik Anna Seidel trägt ein drapiertes Kleid von Tory Burch. (Foto: Benjamin Kaufmann)

Heute bewegt sie sich zwischen Poesie, Performance und kultureller Strategie und gilt längst als Fashion Face der Poesie. Mit ihrer „Napkin Poetry Review“ bringt sie Lyrik bewusst in nicht-literarische Räume, in die Wirtschaft und Wissenschaft etwa. „Historisch gesehen war Lyrik immer ein extrem demokratisches Werkzeug“, sagt sie. „In der Antike, in der Salonkultur: Sie war Teil des Lebens, Teil von Community.“ Was heute davon übrig geblieben ist, sei oft Distanz. „Viele denken bei Gedichten sofort an Schule, Analyse, etwas Klinisches.“ So betrachtet, verliere Lyrik natürlich genau das, was sie ausmache, „Wärme, Intimität, Verletzlichkeit.“

„Bei einem Gedicht bist du nicht nur Beobachter, sondern Kollaborateur.“

In ihren Poetry Nights sitzen Finanzmanager neben Biologinnen, Physiker neben Kreativen. „Dann passiert dieser Aha-Moment“, sagt sie. „Die Leute merken: Das betrifft mich.“ Dass Poesie gerade jetzt ein Comeback erlebt, überrascht sie nicht. „Während Covid haben viele gemerkt, wie entfremdet wir eigentlich waren – selbst in Großstädten.“ Social Media wurde für sie zum neuen Resonanzraum. In dieser Zeit leitete sie Online-Workshops, teilte Gedichte über Social Media, befeuerte eine Art von Lyrik, die zum Dialog anregt. „Bis heute bekomme ich Nachrichten von Sechzehnjährigen mit Rap-Texten, die meine Meinung dazu hören wollen. Aber ich pflege auch immer noch eine Brieffreundschaft mit einem 75-jährigen Rentner aus Brasilien.“

Anna Seidel trägt ein drapiertes Kleid von Tory Burch. (Foto: Benjamin Kaufmann)

Ihr eigener Schreibprozess ist zweigeteilt. Auftragsarbeiten für Marken wie Louis Vuitton oder Buccellati beschreibt sie als empathische Recherche. „Man ist eher wie ein Creative Director. Du tauchst in Archive und Markenhistorien ein, musst den Ton treffen.“ Das freie Schreiben hingegen sei verletzlicher. „Ich sammle Fragmente – Wörter, Sätze, Beobachtungen – oft über Jahre. Oft fügen sie sich erst rückblickend zusammen und die Bedeutung wird klar.“ Ein Satz begleitet sie dabei konstant, ein Gedanke von Kurt Tucholsky: „Die Sprache ist eine Waffe.“ Für Seidel ist das kein Pathos, sondern Haltung. „Was wir sagen und wie wir es sagen, hat politischen und kulturellen Einfluss. Sprache ist Verantwortung, aber eine schöne und wichtige.“ Thematisch kreist ihre Arbeit immer wieder um Identität. „Mich fasziniert, wie sich Identität formt und wie sie sich verfremdet.“ Nach Stationen in der Schweiz und den USA ist Seidel heute in London zu Hause und kennt Metamorphose als Zustand. Hier verbindet sich ihre Lyrik auch mit Mode. „Mode erlaubt dir, verschiedene Charaktere anzunehmen“, sagt Anna Seidel. „Wie Sprache formt auch sie Identität auf eine sehr sichtbare Weise.“

Aktuell arbeitet sie an einer neuen Gedichtsammlung und an weiteren interdisziplinären Projekten, die Poesie mit Mode, Hospitality und Kunst verbinden. Ihre Motivation ist dabei unverändert, nämlich Nähe schaffen. „Lyrik ist kein elitäres Kulturgut. Ein Gedicht kannst du sogar nur im Kopf schreiben“, sagt sie. „Du brauchst dazu nichts – außer Aufmerksamkeit für dein Innerstes. Kreativität ist wie ein Muskel, den man trainieren kann“, davon ist Anna Seidel überzeugt.

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