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Abtauchen, eintauchen, auftauchen: All das hält für mich ein gutes Buch bereit – die Reise in ein anderes Ich, ein anderes Leben, die Erkenntnis, was wäre wenn. Dinge erleben, die man in der Realität niemals erfährt. Das erweiterte Ich. Bücher, die bleiben, Bücher, die in jedem Lebensjahrzehnt anders rezipiert werden und sich mit neuem Erkenntnisgewinn immer wieder lesen lassen: Solche Bücher habe ich für Sie ausgesucht. Wolf Haas ist die amüsante, leichte Muse meiner Auswahl, weil er eine Eigenheit, einen Singsang hat, den man nicht kopieren kann. Auch darum steht er auf meiner Liste der fünf Bücher beziehungsweise Autor*innen, die ein Mensch in meinem Alter kennen sollte.
Nelio Biedermann: Lazar
Diesen Roman muss man lesen – schon allein, um die literarische Sensation zu feiern, die ein erst 21-jähriger Autor geschaffen hat. Mit Lazar setzt Nelio Biedermann der Geschichte seiner ungarischstämmigen Adelsfamilie ein Denkmal und entfaltet zugleich ein Jahrhundert europäischer Gewalt, von Hass und Irrsinn, Liebe und Mitgefühl. Ein großer Familienroman über das, was unseren Kontinent geprägt hat.
Jenny Erpenbeck: Heimsuchung
Auch hier verdichtet sich ein Jahrhundert Geschichte – diesmal deutsch-deutsche – zu einem eindringlichen literarischen Panorama. Booker-Preisträgerin Jenny Erpenbeck erzählt von den wechselnden Bewohnerinnen und Bewohnern eines Hauses an einem Brandenburger See: vom jüdischen Tuchfabrikanten über eine Schriftstellerin in der DDR bis in die Nachwendezeit. Enteignungen, biografische Brüche, Nationalsozialismus, Rote Armee: Heimsuchung fragt danach, wie viel ein Mensch ertragen kann – und wie austauschbar, zerstörerisch und letztlich sinnlos politische Ideologien sein können.
Joan Didion: Das Jahr magischen Denkens
Wer einen geliebten Menschen verloren hat, sollte Joan Didion lesen. Nach dem Tod ihres Mannes John Gregory Dunne versucht die amerikanische Schriftstellerin zu erfassen, wie Trauer sich anfühlt und wie man mit der entsetzlichen Lücke weiterlebt, die eine einst symbiotische Partnerschaft zweier Kreativer hinterlässt. Ihr messerscharfer Verstand ringt mit der Unvernunft des Todes. Traurig, klug und wunderbar.
F. Scott Fitzgerald: Für dich würde ich sterben
Den Großen Gatsby kennt natürlich jeder, vielleicht auch Diesseits vom Paradies oder Zärtlich ist die Nacht. Eine besondere Entdeckung – nicht nur für Fitzgerald-Aficionadas und -Aficionados – ist jedoch der erst 2017 erschienene Erzählband Für dich würde ich sterben. In 18 Geschichten erweckt Fitzgerald, geboren 1896, mit seinem unverwechselbar feinen Pinselstrich Figuren einer vergangenen Epoche zum Leben. Und sofort ist sie da: die Sehnsucht nach Glamour, Jazz und einer großen, sorglosen Zeit.
Wolf Haas: Das ewige Leben
Stellvertretend für die gesamte Brenner-Reihe sei dieser Krimi genannt – eigentlich aber möchte man jedes Buch von Wolf Haas empfehlen. Wer sich einmal in den unvergleichlichen Sound des österreichischen Autors verliebt hat, greift unabhängig vom jeweiligen Plot sofort zum nächsten. Eine kleine Kostprobe:
„… oft wissen die Leute, die selber dabei waren, am allerwenigsten, wie es wirklich war. Und leider sind wir heute so weit, dass die Menschen nicht mehr wissen, was sie spüren. Jeder redet sich alles auf seine Weise ein, und der eine hat schon alles am Parkplatz unten gespürt, und der andere hat immer überhaupt nichts gespürt, obwohl er nebenan im Schwesternzimmer war, weil jeder glaubt, er ist irgendwie seiner Persönlichkeit schuldig, dass er es schon am Parkplatz unten oder nicht einmal im Schwesternzimmer gespürt hat.“
Haas’ Sprache ist eigenwillig, komisch und melancholisch zugleich – und trifft dabei oft genauer als jeder realistische Roman.